TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: „Die Imperialisten der Neuzeit“, von Florian Madl

Ausgabe vom Donnerstag, 27. Jänner 2022

Innsbruck (OTS) – Sie heißen Thomas Bach (IOC) und Gianni Infantino (FIFA). Die Art und Weise, wie sie sich die Welt mit Sport-Großereignissen untertan machen, nimmt geradezu epidemische Ausmaße an, aber die beiden lächeln das weg.

Thomas Bach, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, wird es wieder tun. Der Deutsche wird die anhaltende Kritik an der Olympia-Vergabe nach Peking aussitzen und sich dabei von Machthabern wie Xi Jinping oder Wladimir Putin trösten lassen. Deren Motto: Der Westen solle sich doch um seine Baustellen kümmern und den Sport nicht als Bühne der Selbstdarstellung missbrauchen. Die ist, so der unausgesprochene Nachsatz, Regimen wie China oder Russland vorbehalten.
Ehrlicherweise kann man selbst dieser Argumentation von Autokraten etwas abgewinnen, denn das schulmeisterliche Fingerzeigen auf Regime, die vollmundige Ankündigung eines diplomatischen Olympia-Boykotts wie im Fall der USA dienen nicht zuletzt dazu, innenpolitisch Muskeln zu zeigen.
Aber IOC-Präsident Thomas Bach ist nicht in erster Linie Politiker, sondern Sportfunktionär und er wäre als solcher für die Nicht-Instrumentalisierung des Sports mitverantwortlich. Er rückt Nachhaltigkeit und Ökologie in den Mittelpunkt, klammert aber die Orientierung an konkreten demokratischen Maßstäben aus. Klammerte er sie nicht aus, hätte man sich China oder Russland niemals vorbehaltlos angebiedert, um das Geld der chinesischen und russischen Staatsunternehmen mit einem servilen Lächeln entgegenzunehmen.
Ob ein Thomas Bach morgens in den Spiegel schauen kann, wenn er sich die Bilder der uigurischen Umerziehungslager in Xinjiang vergegenwärtigt? Er kann offensichtlich, verkauft die olympische Bewegung sogar wirtschaftlich als Erfolg und rühmt sich der „stillen Diplomatie“. Was als Akt der Völkerverständigung gedacht ist, stellt den zynischen Höhepunkt dieser Argumentation dar. Und viel unterscheidet auch seinen Kollegen Gianni Infantino vom Weltfußballverband FIFA nicht von Bach. Der Schweizer verlegte seinen Wohnsitz in Katar – wohl in eine Gegend, wo er von Menschenrechtsverletzungen wenig zu sehen bekommt. Vor Ort kann sich der 51-Jährige ein Bild davon machen, wie das Projekt „Wüstenfußball-WM 2022“ Kontur annimmt, für die vor allem Arbeitsmigranten Schweiß vergießen und manche aufgrund der Bedingungen ihr Leben lassen. Mehr als 6500 Menschen aus Nepal, Indien, Pakistan und Bangladesch sollen zu Tode gekommen sein, Katar spricht großzügig von 1400.
Sie haben es geschafft, die Gianni Infantinos und Thomas Bachs dieser Welt, die Imperialisten der Neuzeit: den Sport als Bühne der Reichen in einer Welt der Entrechteten zu etablieren. Die vom IOC-Präsident ausgerufene „stille Diplomatie“ ist so still, dass man bald nichts mehr davon hört und selbst über eine Wüsten-WM Gras gewachsen sein wird.

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