TIROLER TAGESZEITUNG „Leitartikel“ Freitag, 17. September 2021, von Michael Sprenger: „Skeptiker sind noch keine Leugner“

Innsbruck (OTS) – Wie können wir hierzulande die Impfquote erhöhen? Zuallererst sollten wir den Dialog suchen und die Aufklärungsarbeit versuchen. Nicht mit Verschwörungstheoretikern und Leugnern, aber mit den Zweiflern.

Dänemark hat nicht die Pandemie für beendet erklärt, aber die Regierung in Kopenhagen hat alle Corona-Beschränkungen aufgehoben. Die Maskenpflicht wurde schon vor einem Monat abgeschafft. Seit 1. September brauchen die Dänen in Restaurants und bei Friseuren keinen Corona-Pass mehr. Und seit der Vorwoche gibt es nun keinerlei Einschränkungen mehr für Großveranstaltungen.
Aufgrund einer erfolgreichen Impf­kampagne und einer damit einhergehenden hohen Impfquote ist das skandinavische Land auf der anderen Seite der Pandemie angekommen. Bei den ab Zwölfjährigen sind bereits mehr als 80 Prozent der 5,8 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner doppelt geimpft. In Schweden, das von Anfang an einen anderen Weg eingeschlagen hat, wird man sich aufgrund von Impfquote und Anzahl der Genesenen am 29. September von den wenigen Corona-Beschränkungen verabschieden.
In Österreich hingegen hinken wir bei der Impfquote hinterher. Ja, es stimmt. Die Regierungen in Kopenhagen und Stockholm haben mit Beginn der Pandemie auf je unterschiedliche Weise auf Einschränkungen verzichtet, auch weil sie die Bürger einer offeneren Gesellschaft nicht akzeptiert hätten. Den Dialog mit den Bürgern führten Gesundheitsbehörde oder wie in Schweden Chef-Epidemiologe Anders Tegnell – nicht die Regierungsspitze. Man setzte auf Eigenverantwortung, nicht auf Verbote. Hätten wir diesen Weg in Österreich beschreiten können? Wahrscheinlich nicht. Da sind wohl die gesellschaftlichen Unterschiede zu groß. Trotzdem müssen wir nun versuchen, die Impfquote rasch signifikant zu erhöhen. Hier ist die Politik, sind wir alle gefordert. Wir werden wohl zur Kenntnis nehmen müssen, dass es einen Teil in der Bevölkerung gibt, der für sich behauptet, Corona gäbe es nicht oder es sei ein Produkt einer Weltverschwörung – und die Impfung nichts anderes als der Versuch einer gigantischen Überwachungs­industrie.
Da macht eine Diskussion wohl keinen Sinn. Aber wir erleben auch hierzulande, dass Skeptiker der Corona-Politik in Diskussionen allzu rasch als Idioten abgestempelt und ins rechte Eck abgeschoben werden. Doch Skeptiker und Zweifler sind nicht per se Gegner, Querdenker, Impfverweigerer oder reaktionäre FPÖ-Anhänger. Sie sind in erster Linie verunsichert. Mit diesen Menschen soll man den Dialog suchen, nicht strafen oder brandmarken. Zuallererst muss man ihre Ängste ernst nehmen. Nur so kann man sie mit guten Argumenten gewinnen. Damit gewinnen wir alle. Dänemark sollte uns ein Ansporn sein.

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