WIEN 1900 – Alltag. Gesamtkunstwerk: Neueröffnung der MAK Schausammlung mit einem künstlerischen Konzept von Markus Schinwald
Besonderer Moment zum Auftakt: Daniel Kehlmann spricht über diese herausragende Ära der Kunstgeschichte und Markus Schinwalds Blick darauf
Mit der Neuaufstellung seiner Schausäle zu Wien 1900 (Pressekonferenz: 24.2., 10 Uhr; Vortrag Daniel Kehlmann: 24.2., 18.30 Uhr; Eröffnung: 24.2., 19 Uhr) bietet das MAK atmosphärische Erlebnisräume zu diesem Sammlungsbereich, der zu den international bedeutendsten Beständen dieses berühmten Kapitels der Kunstgeschichte zählt. Der zeitgenössische Künstler Markus Schinwald entwickelte auf Einladung von Generaldirektorin Lilli Hollein und in engem Austausch mit den Sammlungsleiter*innen des MAK ein neues Konzept für die permanente Präsentation dieser so prägenden Epoche. Dabei war es seine Intention, neue Anknüpfungspunkte und Brücken zur Gegenwart zu schaffen und die Perspektive auf eine Ära zu erweitern, die bis heute Maßstäbe in Gestaltungsfragen setzt: mit einer an Themen orientierten Narration, konsequenten Perspektivenwechseln und präzisen künstlerischen Eingriffen, die die Exponate reisolieren und kontextualisieren. So ist eine Schausammlung entstanden, die den herausragenden Beständen des MAK zur Wiener Moderne eine spektakuläre Bühne gibt und Betrachter*innen immer wieder in Szenerien führt, die ein besonderes und unmittelbares Erleben ermöglichen.
Mit Markus Schinwald setzt das MAK den nächsten Schritt in seiner weltweit beachteten Praxis, mit Künstler*innen an seinen Dauerpräsentationen zusammenzuarbeiten. Schinwald widmete sich in den letzten Jahren den ständig wechselnden Bedingungen von Geschichtsschreibung, Autor*innenschaft und Erinnerungskultur. Sein Ansatz ist weniger bestimmten Medien verpflichtet als vielmehr spekulativen historiografischen Methoden. Ob in der Malerei, in Bühnenarbeiten oder als Kurator – seine Arbeit zielt auf Erkenntnisbildung ab: Erkenntnis versteht Schinwald als ein Zusammenspiel von Wissen und Erfahrung.
MAK Generaldirektorin Lilli Hollein: „Ich danke Markus Schinwald für seine intensive Vertiefung in unsere Sammlung und seine für uns so bereichernde Arbeit an diesem Projekt. Im Austausch mit dem wissenschaftlichen Team des MAK ist in den vergangenen eineinhalb Jahren eine außergewöhnliche Schausammlung entstanden. Aus einer Perspektive der Gegenwart werden wesentliche Fragen gestellt, Erlebnisse ermöglicht und Verknüpfungen hergestellt, die unsere Besucher*innen in diese für das MAK so wesentliche Sammlung eintauchen lassen wie in einen Film.“
Mehr als 700 Objekte geben in der neuen Schausammlung zur Wiener Moderne einen Querschnitt durch diese Hochblüte der angewandten Kunst, wie sie nur das MAK bieten kann: Design und Kunstgewerbe der Zeit um 1900 in Wien ist einer der wesentlichsten Sammlungsbereiche und eine der Kernkompetenzen des MAK. Das 1863 als k. k. Österreichisches Museum für Kunst und Industrie gegründete Museum und die daraus entstandene Kunstgewerbeschule (heute Universität für angewandte Kunst Wien), seit 1900 eng mit der Secession verbunden, waren die Orte, an denen die Grundlagen für Reformbewegungen wie die Wiener Werkstätte (deren Archiv das MAK besitzt), den Deutschen und Österreichischen Werkbund und das Bauhaus gelegt wurden. Im Sinne der Leitidee des Gesamtkunstwerks war der Austausch zwischen Architektur, Malerei und angewandter Kunst in Wien intensiv und bildete die Basis für eine neue Ästhetik.
Die gemeinsam mit Markus Schinwald entwickelte neue Narration zur Wiener Moderne bricht mit der bisherigen linearen und chronologischen Präsentation. Sie folgt Themen und assoziativen Verbindungen zwischen Objekten, Ideen und Kontexten bis in die Gegenwart.
Immanente Gestaltungsmittel der Präsentation sind bewusste Perspektivenwechsel und wiederkehrende Distanzverschiebung: Historiker*innen, Künstler*innen, Restaurator*innen, Händler*innen, Fotograf*innen und Besucher*innen – sie haben alle ein unterschiedliches Verhältnis zu den Dingen und Ideen der Vergangenheit. Mit filmischen Methoden und Wechseln zwischen Totale und Close-up folgt die Neuaufstellung einer Erzählung entlang einer „Architektur der Dinge“ und einer Reisolation singulärer Objekte.
„Konventionelle Kunstgeschichtsschreibung stellt eine bestimmte, meist chronologische Ordnung her. Manche nennen das Tiefe. Oft fehlt es dieser Tiefe aber an Breite. Auf die filmische Methode umgemünzt, möchte ich dafür das Mittel unterschiedlicher Brennweiten nutzen. Will man Details, nimmt man Makro, soll auch die Umgebung mit drauf, nimmt man Weitwinkel. Die Ausstellung montiert solch unterschiedliche Perspektiven und Brennweiten. Ich glaube, dem Wiener Idiom lässt sich nur näherkommen, wenn man die Distanz zu den Objekten, zur Raumkunst und zur Idee des Gesamtkunstwerks ständig wechselt und variiert“, so Markus Schinwald.
In der Auseinandersetzung mit Wien 1900_ _hat Schinwald zudem zentrale Komponenten und Einflüsse herausgearbeitet, die das „Hybrid Wien“ dieser Zeit prägten: Historismus; Richard Wagner; die Idee des Gesamtkunstwerks; die japanische Kultur, die europäische Gestalter*innen in ihren Bann gezogen hat; die fehlende Zentralperspektive; Leere als zentrales Stilmittel; Trennung von Form und Größe; Glühbirne und Strom; Science-Fiction; Silhouetten und Transparenz; Arbeitskultur; strenge Erziehung und infantiler Eskapismus – all diese Faktoren bieten den Rahmen für eine museale Erzählung, die zeigt, wie sich die Bewegung formierte, wohin sie sich entwickelte und mit welchen Einflüssen sie verschmolz.
Einzelobjekte stehen in der neuen Schausammlung nicht mehr für sich allein, sie erhalten eine Bühne, die verdeutlicht, dass Möbel, Gläser, Geschirr oder Textilmuster aufeinander abgestimmt waren. „Die Idee des Gesamtkunstwerks basiert auf flacher Korrespondenz, nicht auf einem Zentrum und auf einer einzigen Komponente“, so Schinwald.
In 20 Hauptthemen, verteilt auf drei Räume, erwarten die Besucher*innen kleinteilige, nahezu intime Kapitel: Sie beinhalten beispielsweise Miniaturwelten aus Spitzendecken und integrierten Filmen, die rekonstruierte Fassade des Hoffmann-Pavillons für die Pariser Weltausstellung 1925, die wie ein großes Bühnenteil wirkt, oder die Neupräsentation von Gustav Klimts neunteiliger Werkzeichnung für die Ausführung des Mosaikfrieses im Brüsseler Palais Stoclet (1905–1912).
Otto Wagner und die Arbeitskultur der Moderne werden eindrucksvoll kontextualisiert: Durch doppelte Verspiegelung in einem Diorama entsteht ein Unendlichkeitseffekt, der die Neuorganisation von Großraumbüros vorwegnimmt.
Einzelne Stationen laden zum Verweilen ein und behandeln Themen wie Deckenlampen, Elektrizität und Musik. An ausgewählten Punkten geht die Neuaufstellung bis ins kleinste Detail: etwa bei Wiener-Werkstätte-Postkarten, dem „Instagram der Jahrhundertwende“, oder im gegenüberliegenden Bereich mit einem interaktiven Stadtplan Wiens, der geografische und zeitliche Verschränkungen sichtbar macht.
Querverweise lassen immer wieder die besondere Stimmung des frühen 20. Jahrhunderts aufleben: Die Begeisterung für Dioramen, Stereoskopie, Lentikular-Technik und Kino beeinflusste weit über die Wiener Werkstätte und die Secession hinaus viele Menschen in der westlichen Welt.
Die permanente Immersion – also die Neukonfiguration des Verhältnisses von Objekt und Betrachter*in und das bewusste Einbeziehen subjektiver Wahrnehmung – sowie die enorme Breite der ausgestellten Medien und Objekte verleihen der Neuaufstellung Wien 1900_ _Momente, wie sie nur im Dialog zwischen Tradition und Gegenwart entstehen können.
Markus Schinwald (* 1973 in Salzburg) studierte Kunst und Kulturwissenschaften in Linz und Berlin. Er vertrat Österreich auf der 54. Biennale di Venezia (2011) und hatte weltweit Einzelausstellungen, unter anderem im SF MoMA (San Francisco), Kunsthaus Bregenz, Palais de Tokyo (Paris), Migros Museum (Zürich), auf der Triennale (Mailand), im Aspen Art Museum und im Museum für zeitgenössische Kunst (Bordeaux). Seine Arbeiten sind Teil internationaler Sammlungen, darunter Tate Modern (London), MoMA (New York), Musée d’Art Moderne (Paris) und das Kunsthaus Zürich. Schinwald lehrte unter anderem an der Yale University und der Staatlichen Akademie in Karlsruhe; er lebt und arbeitet in Wien.
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