CHRISTOPH SCHLINGENSIEF. Es ist nicht mehr mein Problem!
Das MAK widmet dem Künstler gemeinsam mit den Wiener Festwochen | Freie Republik Wien die erste umfassende Einzelausstellung in Österreich – Pressekonferenz am 12. Mai 2026, 10 Uhr
Vom Filmemacher zum politischen Aktionisten, vom Theater- und Opernregisseur zum Schauspieler, bildenden Künstler und Bestsellerautor: Das Werk von Christoph Schlingensief (1960–2010) sprengt Gattungsgrenzen und erzeugt überbordende Material- und Bedeutungsschichten, die sich jeder Zuschreibung entziehen. Seinem Oeuvre eingeschrieben ist die Herausforderung an das Publikum, eine aktive Haltung einzunehmen – zwischen Irritation und Erkenntnis, Überforderung und Reflexion. Mit der Ausstellung _Es ist nicht mehr mein Problem!_ – ein (Teil-)Zitat des Künstlers aus dem Jahr 2005 – widmet das MAK gemeinsam mit den Wiener Festwochen | Freie Republik Wien Christoph Schlingensief die erste umfassende Einzelausstellung in Österreich (MAK Ausstellungshalle, 13.5.–13.9.2026). Das Land, das er mit der Aktion _Bitte liebt Österreich – erste österreichische Koalitionswoche_ (2000) mitten ins Zentrum gesellschaftlicher Widersprüche führte, wird damit erneut zum Schauplatz seiner Auseinandersetzung mit Öffentlichkeit, Politik und sozialer Verantwortung.
Am 12. Mai um 10 Uhr laden das MAK und die Wiener Festwochen | Freie Republik Wien zur gemeinsamen Pressekonferenz zur Ausstellung ein. Im Vorfeld der Eröffnung am 12. Mai um 19 Uhr findet zudem um 18 Uhr die Diskussion „Bitte liebt Schlingensief“ statt – mit MAK Generaldirektorin Lilli Hollein, Aino Laberenz (Archiv Christoph Schlingensief) und Milo Rau, Intendant der Wiener Festwochen, moderiert von Kurator Raphael Gygax.
Aus heutiger Perspektive lesen sich viele Arbeiten von Christoph Schlingensief wie Vorwegnahmen aktueller gesellschaftlicher Konflikte: Die künstlerische Auseinandersetzung mit Fremdheitsdiskursen, rassistischen Projektionen, populistischen Mechanismen und medialer Zuspitzung macht Schlingensiefs Werk zu einem zentralen Referenzpunkt für gegenwärtige Debatten um Migration, Identität und demokratische Fragilität.
Den Auftakt und das Zentrum der Ausstellung bildet die raumgreifende Installation _Church of Fear_ (2003), die erstmals bei der Biennale von Venedig im Jahr 2003 präsentiert wurde. Sie stilisierte den „Glauben an die Angst“ zum Dogma und führte die globale Stimmung nach 9/11 in eine parodistische Glaubensgemeinschaft über. _Church of Fear_ markiert einen Knotenpunkt in Schlingensiefs Werk – als ambivalenter Raum zwischen Religion, Kunst und öffentlichem Diskurs und Spiegelbild, wie Machtverhältnisse über Emotionen stabilisiert werden können.
Ausgehend von _Church of Fear_ entfaltet sich die kuratorische Erzählung entlang zweier Zeitlinien: Eine rückblickende versammelt politische und performative Arbeiten der späten 1990er und frühen 2000er Jahre, wie _Chance 2000_ (1998), _Bitte liebt Österreich – erste österreichische Koalitionswoche_ (2000) im Rahmen der Wiener Festwochen, _Hamlet_ (2001) oder _Freakstars 3000_ (2002). Sie zeigen Schlingensiefs künstlerisches Experimentieren mit politischer Realität, medialer Öffentlichkeit, sozialer Körperlichkeit und öffentlich-theatralen Interventionen.
Die vorwärts gerichtete Zeitschiene lenkt den Fokus auf filmische und opernhafte Werkkomplexe wie _The African Twin Towers_ (2005), _Der fliegende Holländer_ (Manaus, 2007) oder die Videoinstallation _Ohne Titel_ (_Hasenverwesung; Drosophila Melanogaster; Holländer 2c. Ausweitung der Dunkelphase; Fremdverstümmelung) _(2007), in denen biopolitische, gesellschaftliche, mythologische und mediale Motive miteinander verwoben werden.
Die Ausstellung erschließt Schlingensiefs Werk nicht als lineare, chronologisch geordnete Retrospektive, sondern als inszenierte Gegenwart. In der dialogischen Konstellation zwischen frühen und späten Arbeiten entfaltet sich ein Werkzusammenhang, der künstlerisches Handeln nicht als Entwicklung im klassischen Sinne zeigt, sondern als permanente Refiguration von Angst, Sichtbarkeit und sozialen Körpern – zwischen Bühne, Straße und Institution. In dieser Setzung wird nachvollziehbar, wie sich bei Christoph Schlingensief künstlerische Strategien zwischen Theater, Film, Installation und Aktion gegenseitig durchdringen und ein vielschichtiges Bild seines Denkens formen.
Im Mittelpunkt steht die Bewegung des Fragens, Zweifelns und Scheiterns – eine Haltung, die Schlingensief wie folgt beschrieb: „Man kann meines Erachtens voller Lust, Freude und Vorsatz scheitern. In meiner Arbeit war das immer ein Scheitern, das durch die Aufhebung von Zielgerade und Zielpunkt, von Raum und Zeit entstanden ist. Wenn man es innerlich schafft zu akzeptieren, dass es eines Scheiterns bedarf, um Kräfte nutzbar zu machen, wird viel passieren.“
Christoph Schlingensief, geboren in Oberhausen, zählt zu den am kontroversesten diskutierten Künstlerpersönlichkeiten im deutschsprachigen Raum. Sein Werdegang gleicht einem permanenten Grenzgang zwischen den Künsten: Bereits in den 1980er Jahren trat er als Filmemacher hervor, unter anderem mit _Egomania – Insel ohne Hoffnung_ (1986) und _100 Jahre Adolf Hitler_ (1988/89). Früh zeigte sich sein charakteristisches Prinzip der Überlagerung und Überforderung – ein Arbeiten an den Rändern des Wahrnehmbaren, in dem Bild- und Tonstrukturen kollidieren und neue Erzählräume entstehen. In den 1990er und 2000er Jahren rückte er mit politisch aufgeladenen Interventionen wie _Chance 2000_ oder dem Wiener Containerprojekt _Bitte liebt Österreich – erste österreichische Koalitionswoche_ in den Fokus der Öffentlichkeit. Parallel dazu entwickelte er ein Theater- und Opernschaffen, das sich konsequent gegen Illusionsbildung wandte. Seine Operninszenierungen, insbesondere seine radikal neue Interpretation von Richard Wagners _Parsifal _für die Bayreuther Festspiele 2004, erschütterten die traditionellen Erwartungshaltungen des Opernpublikums.
Auch seine bildkünstlerischen Arbeiten vertieften sein Interesse an der Materialität des Films, an Zersetzung, Überlagerung und Momenten der Unterbrechung zwischen den Bildern. Installationen wie _Kaprow City_ (2006/07) im Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich oder _18 Bilder pro Sekunde_ (2005) im Haus der Kunst München zeigen die Vielschichtigkeit seiner Reflexion über Medien und Wahrnehmung. Mit dem langfristigen Projekt _Operndorf Afrika_ (2009–) in Burkina Faso weitete Schlingensief sein Wirken auf ein kulturell-soziales Engagement aus, das über die ästhetische Dimension hinauswirkt.
Seine späten Arbeiten, geprägt durch die Diagnose Lungenkrebs 2008, verarbeiten existenzielle Fragen auf künstlerische Weise, etwa in _Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir_ (2008). Trotz der Erkrankung blieb Schlingensief bis zu seinem Tod 2010 unerschöpflich produktiv. Postum wurde er 2011 für den Deutschen Pavillon an der Biennale von Venedig, der von Susanne Gaensheimer in Kooperation mit Aino Laberenz kuratiert wurde, mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.
Seinem Künstlerweg entsprechend, skizziert die Ausstellung _CHRISTOPH SCHLINGENSIEF.Es ist nicht mehr mein Problem!_ ein dynamisches Spannungsfeld, in dem Kunst als Setzung, Überforderung und Befragung gesellschaftlicher Wirklichkeiten erfahrbar wird. Die Besucher*innen erleben ein OEuvre, das Grenzen sprengt, Widersprüche zulässt und zur Reflexion einlädt – im Sinne von Schlingensiefs radikalem Impuls, Kunst als Erfahrung zu denken, die irritiert, überfordert, aufrüttelt und neue Perspektiven eröffnet.
Für die Kuratierung konnte der Schweizer Kunsthistoriker und Kurator Raphael Gygax in Zusammenarbeit mit Aino Laberenz, der langjährigen Weggefährtin und Ehefrau von Christoph Schlingensief, gewonnen werden. Raphael Gygax gilt als ausgewiesener Experte für zeitbasierte Kunst sowie für performative und filmische Praktiken. Er kuratierte zahlreiche internationale Ausstellungen und arbeitet regelmäßig mit Künstler*innen sowie künstlerischen Nachlässen. Aino Laberenz ist Bühnen- und Kostümbildnerin sowie Kuratorin. Als Leiterin des von Christoph Schlingensief initiierten _Operndorf Afrika_ und Verwalterin seines Nachlasses setzt sie sich seit vielen Jahren für die Pflege und Weiterführung seines künstlerischen Vermächtnisses ein.
Raphael Gygax ist auch Kurator einer weiteren Ausstellung zu Christoph Schlingensief im Gropius Bau in Berlin, die von 9.10.2026 bis zum 17.1.2027 als gemeinsames Projekt von Gropius Bau / Berliner Festspiele, Wiener Festwochen | Freie Republik Wien und MAK – Museum für angewandte Kunst gezeigt wird.
MAK Presse und Öffentlichkeitsarbeit
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Sandra Hell-Ghignone
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