Arbeitszeit hat Grenzen
Die neue Ausgabe des Magazins „Gesunde Arbeit“ zeigt, wie Arbeitszeit und Gesundheit zusammenhängen – und was sich ändern muss
Österreichs Vollzeitbeschäftigte arbeiten im EU-Vergleich besonders lange: durchschnittlich 40,7 Stunden pro Woche. Gleichzeitig blieben 2025 fast 46 Millionen Mehr- und Überstunden unbezahlt. Die neue Ausgabe 3/2026 des Magazins „Gesunde Arbeit“ zeigt, warum nicht nur die Dauer, sondern auch Lage, Planbarkeit und Intensität der Arbeitszeit über die Gesundheit entscheiden – und warum eine Verkürzung der Arbeitszeit längst überfällig ist.
Arbeitszeit ist mehr als eine Zahl im Dienstplan. Wenn Arbeitstage immer länger werden, Pausen ausfallen, Beschäftigte kurzfristig einspringen oder auch nach Dienstschluss erreichbar sein müssen, fehlt jene Zeit, die Menschen zur Erholung brauchen. Zugleich hat sich die Arbeit verdichtet: Rund die Hälfte der Erwerbstätigen arbeitet unter starkem Termin- und Leistungsdruck, mehr als 80 Prozent sind zumindest gelegentlich außerhalb ihrer Arbeitszeit erreichbar.
Auch Präsentismus erreicht einen Negativrekord: 65 Prozent der Beschäftigten geben an, im letzten halben Jahr zumindest einmal krank zur Arbeit gegangen zu sein. Es passiert genau das, wovor Sybille Pirklbauer, Leiterin der Abteilung Sozialpolitik der AK Wien, warnt: „Arbeit darf das Leben nicht auffressen.“ Entscheidend ist eine gute Balance zwischen Arbeit, Erholung und Privatleben, denn „Arbeitszeit ist Lebenszeit“.
LANGE DIENSTE ERHÖHEN DAS GESUNDHEITS- UND UNFALLRISIKO
Die gesundheitlichen Folgen überlanger und ungünstig gestalteter Arbeitszeiten sind wissenschaftlich gut belegt. Bereits nach der achten Arbeitsstunde nehmen Aufmerksamkeit und Konzentration ab. Nach der zwölften Stunde ist das Verletzungsrisiko im Vergleich zur achten Arbeitsstunde fast verdreifacht. Beschäftigte mit mehr als 64 Wochenstunden haben ein um 88 Prozent höheres Unfallrisiko als jene mit höchstens 40 Stunden. Auch der Zeitpunkt spielt eine Rolle: In der Nachtschicht liegt das Unfallrisiko um 36 Prozent höher als in der Frühschicht.
Wie groß die Schieflage ist, zeigt auch ein Blick auf die geleistete Arbeitszeit: 2025 wurden in Österreich 45,9 Millionen Mehr- und Überstunden weder bezahlt noch durch Zeitausgleich abgegolten. Den Beschäftigten entgingen dadurch mehr als 2,5 Milliarden Euro. Gleichzeitig wünschen sich laut einer Befragung mehr als 80 Prozent kürzere Arbeitszeiten.
Die gesetzliche 40-Stunden-Normalarbeitszeit ist aber seit 50 Jahren unverändert. AK-Präsidentin Renate Anderl hält das für nicht mehr zeitgemäß: „Pro Arbeitsstunde leisten die Beschäftigten heute doppelt so viel wie noch in den 1970er-Jahren. In vielen Kollektivverträgen haben Gewerkschaften schon kürzere Arbeitszeiten festgelegt – es wird Zeit, dass die gesetzliche Ebene endlich nachzieht.“
Auch zur Teilzeit hat Anderl eine klare Meinung: „Teilzeitbeschäftigte dürfen nicht mehr als billige Flexibilitätsreserve genutzt werden. Jede zusätzliche Stunde muss einen Zuschlag bringen – und das ab der ersten Stunde Mehrarbeit.“
KÜRZERE, PLANBARE ARBEITSZEIT SCHÜTZT DIE GESUNDHEIT
Natürlich gibt es auch positive Praxisbeispiele für gute Arbeitszeitgestaltung. Ein von der Arbeiterkammer begleiteter oberösterreichischer Betrieb reduzierte die Wochenarbeitszeit von 40 auf 30 Stunden: Die Krankenstände gingen zurück, während Produktivität und Motivation stiegen.
Bei der Octapharma Pharmazeutika Produktionsges.m.b.H. in Wien-Favoriten wiederum wurde gemeinsam mit Beschäftigten, Betriebsrat und Arbeitszeitexpert:innen ein neues Schichtmodell entwickelt. Die Beschäftigten im Schichtdienst arbeiten dort 33,6 statt 38 Wochenstunden – mit planbareren, kürzeren Arbeitsblöcken und bezahlten Pausen sowie 125 Euro mehr Gehalt. Die Redaktion hat Octapharma besucht und mit den Menschen vor Ort gesprochen: Hier wird erlebbar, wie wesentlich Arbeitszeit als Faktor gesunder Arbeit ist.
Außerdem zeigt die „Gesunde Arbeit“ Problemfelder wie geteilte Dienste oder zu frühe Arbeitsbeginnzeiten auf und stellt gleichzeitig Lösungen und praktische Helfer, wie etwa diverse Apps, Rechner und Ratgeber vor. Gesunde Arbeitszeit hat Grenzen und braucht eine Arbeitsorganisation, die Erholung ermöglicht und die Menschen gesund erhält statt krank zu machen.
AK und ÖGB fordern daher eine Verkürzung der gesetzlichen Normalarbeitszeit bei vollem Lohn- und Personalausgleich, die Rücknahme der Regelungen zum 12-Stunden-Tag und Pilotversuche für eine 4-Tage-Woche. Notwendig sind darüber hinaus ausreichende Ressourcen für die Arbeitsinspektion, wirksame Sanktionen bei Verstößen sowie faire Regeln für Teilzeitbeschäftigte. Arbeitnehmer:innen verdienen nicht nur eine korrekte Bezahlung – sondern auch genügend Zeit für Erholung, Familie und ein gesundes Leben.
MAGAZIN GESUNDE ARBEIT, AUSGABE 3/2026: „ARBEITSZEIT HAT GRENZEN – WIE ARBEITSZEIT UND GESUNDHEIT ZUSAMMENHÄNGEN“ – ausgewählte Themen im neuen Heft:
* Coverstory: „Arbeitszeit ist Lebenszeit!“ – warum Dauer, Lage und Planbarkeit über Gesundheit entscheiden
* Interview mit AK-Präsidentin Renate Anderl: „Die 40-Stunden-Woche ist nicht mehr zeitgemäß“
* Arbeitszeit und Ruhezeit: Was Beschäftigten gesetzlich zusteht
* Arbeitsinspektion: Mehr als 11.500 Beanstandungen zu Arbeitszeit und Arbeitsruhe zwischen 2023 und 2025
* Lange Arbeitszeiten, hohes Risiko: Wie Arbeitsdauer, Schichtarbeit und fehlende Pausen die Unfallgefahr erhöhen
* „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“: Was einen gesundheitsgerechten Dienstplan ausmacht
* Reportage bei Octapharma: Schichtarbeit gemeinsam mit Beschäftigten gesund gestalten
* Wer kürzer arbeitet, arbeitet länger gesund: Arbeitszeitverkürzung als Gesundheits- und Pensionsfrage
* Zerrissene Tage: Geteilte Dienste in Pflege und Reinigung
* Selbsttest Chronotypen: Wann ist Ihre ideale Arbeitszeit?
* Neue Folge der Serie „Präventionsexpert:innen“: Arbeits- und Organisationspsychologie in der Praxis
Das Magazin Gesunde Arbeit erscheint viermal jährlich. Es kann unter www.gesundearbeit.at/magazin kostenlos heruntergeladen oder bestellt werden.
Redaktion Gesunde Arbeit
Otmar Pichler
Telefon: 0664/814 63 46
E-Mail: redaktion@gesundearbeit.at
https://www.gesundearbeit.at
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS. www.ots.at
© Copyright APA-OTS Originaltext-Service GmbH und der jeweilige Aussender
Kommentare sind geschlossen, aber trackbacks und Pingbacks sind offen.