Reformen im Dialog: Wiener Sozialorganisationen gegen Kürzungen im Sozialbereich
Bündnis „Wien bleibt anders“ bietet der Stadtregierung „Reformen im Dialog“ an
_Die Wiener Stadtregierung plant für 2027 drastische Einsparungen im Sozialbereich. In Gesprächen war von einem dreistelligen Millionenbetrag die Rede, den der Fonds Soziales Wien einsparen muss. „Wien bleibt anders“, ein Bündnis Wiener Sozialorganisationen, warnt vor den Folgen für das soziale Netz: weniger Angebote für Menschen mit Behinderungen sowie für Kinder und Jugendliche in Not, geringere Integrationschancen für Geflüchtete, mehr Wohnungs- und Obdachlosigkeit. „Jede 20. Beratungsstunde und jeder 20. Job im Sozialbereich wackeln“, sagt Sprecher Robert Mittermair. Das Bündnis fordert „Reformen im Dialog“ für den Sozialbereich._
Viele Sozialorganisationen stehen schon jetzt stark unter Druck. Tarife und Förderungen wurden in den vergangenen Jahren oft unter der Inflationsrate erhöht, einige Einrichtungen geschlossen und Angebote reduziert. Die geplanten Einsparungen für 2027 entsprechen mindestens drei Prozent des Budgets des Fonds Soziales Wien. Personal- und Sachkosten steigen um ebenfalls rund drei Prozent. Weil Mieten und Energiekosten kaum zu beeinflussen sind, müssen Kürzungen vor allem beim Personal erfolgen. Damit bleibt weniger Zeit für Beratung, Betreuung und Unterstützung.
„Die Organisationen arbeiten schon jetzt am Limit. Sie verfügen in der Regel über keine Rücklagen, mit denen sie Kürzungen in dieser Dimension abfedern können“, betont der Sprecher des Bündnisses, Robert Mittermair. Fehlende Finanzierungszusagen gefährden zudem wichtige neue Projekte.
KURZFRISTIGE EINSPARUNGEN – LANGFRISTIGE FOLGEN
Die Folgen von Kürzungen werden oft erst nach Monaten oder Jahren sichtbar: Jugendliche drohen abzurutschen, die Jugendkriminalität steigt. Menschen mit psychischen Erkrankungen landen häufiger in der stationären Psychiatrie oder im Maßnahmenvollzug. Menschen mit Behinderungen verlieren ihre Selbstständigkeit und landen in der Pflege. Menschen, die die Mindestsicherung verlieren, können sich ihre Wohnung nicht mehr leisten. „Kurzfristige Einsparungen jetzt verursachen hohe Folgekosten in der Zukunft“, ist Mittermair überzeugt.
In der Behindertenhilfe warten bereits rund 3.000 Menschen mit gültiger Bewilligung auf einen Betreuungsplatz. Weitere Einsparungen gefährden besonders die Unterstützung von Menschen mit komplexem Pflege- und Betreuungsbedarf. Sie landen vermehrt in klassischen Pflegeeinrichtungen, in denen aber das behinderungsbezogene Know-how fehlt. Die gesetzlichen Vorgaben in der Pflege können schon jetzt kaum erfüllt werden.
In der Kinder- und Jugendhilfe fehlen Fachpersonal und Betreuungsplätze für akute Notlagen. Bedarf und Gefährdungsmeldungen steigen. „Wenn Kinder und Jugendliche nicht ausreichend gefördert und geschützt werden, steigt das Risiko für psychische Erkrankungen, Sucht, Straffälligkeit oder spätere Arbeitslosigkeit – mit erheblichen Kosten für die Gesellschaft“, betont Dieter Schrattenholzer, Vertreter von Organisationen der Kinder- und Jugendhilfe im Bündnis.
Die Flüchtlingshilfe unterstützt Menschen, die bereits in Wien leben, Deutsch lernen, eine Ausbildung absolvieren oder arbeiten. „Wir tragen jeden Tag dazu bei, dass Integration gelingt, Konflikte vermieden werden und Menschen rasch ihren Platz in unserer Gesellschaft finden. Wer diese Strukturen schwächt, spart kurzfristig Geld, gefährdet aber langfristig den sozialen Zusammenhalt“, warnt Martin Wurzenrainer, der Organisationen der Flüchtlingshilfe vertritt.
Auch der Druck auf die Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe steigt. Tarife und Förderungen wurden unter der realen Teuerung erhöht, gleichzeitig steigt der Bedarf. Immer öfter suchen Menschen Unterstützung, die neben ihrer Wohnungsnot mit psychischen Erkrankungen, Sucht oder einem hohen Pflege- und Assistenzbedarf leben. „Komplexere Problemlagen brauchen auch komplexere Unterstützung“, schildert Andreas Gampert von der Diakonie.
GEMEINSAM PLANEN, NOTLAGEN VERHINDERN
Das Bündnis fordert angesichts knapper Budgets eine gemeinsame strategische Planung für die kommenden Jahre. „Wir möchten die Qualität unseres sozialen Netzes erhalten. Dazu braucht es dringend einen Prozess struktureller Reformen, um wichtige Bedarfe von Menschen sicherzustellen, die darauf angewiesen sind. Wir sind davon überzeugt, dass im Dialog bessere Ergebnisse gelingen“, erklärt Mittermair.
Potenziale sehen die Organisationen besonders in der Prävention und an den Schnittstellen zwischen Fachbereichen: etwa zwischen Behindertenhilfe und Pflege oder zwischen Flüchtlingshilfe und Wohnungslosenhilfe. Frühzeitige, abgestimmte Unterstützung kann verhindern, dass Menschen in prekäre Lebenssituationen geraten und später auf aufwendigere Hilfen angewiesen sind.
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Bündnis Wien bleibt anders
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