Dänemark macht Hülsenfrüchte zur Chefsache. Und Österreich?
_KAUM EIN LAND PRODUZIERT PRO KOPF SO VIEL FLEISCH WIE DÄNEMARK. TROTZDEM FLIESSEN DORT 170 MILLIONEN EURO IN DIE FÖRDERUNG VON PRODUKTION UND KONSUM VON PFLANZLICHEN LEBENSMITTEL. WIE PASST DAS ZUSAMMEN? BEIM RUNDEN TISCH DES VEREINS FÜR PROTEINVIELFALT IN ÖSTERREICH, DONAU SOJA UND DER DÄNISCHEN BOTSCHAFT GAB ES DIE ANTWORT AUS ERSTER HAND._
Ausgerechnet im Schweine- und Milchland Dänemark sitzen heute Bauernverband, die dänische vegetarische Gesellschaft und Lebensmittelindustrie an einem Tisch, um pflanzliche Lebensmittel voranzubringen. Wie Dänemarks Strategie aussieht und was Österreich daraus mitnehmen kann, darüber diskutierten am 6. Oktober rund 50 Gäste in der Residenz des dänischen Botschafters in Wien. Landwirt:innen, Verarbeitungsbetriebe und Lebensmittelhandel waren ebenso vertreten, wie Landwirtschafts-, Gesundheits- und Verteidigungsministerium, AGES, Landwirtschaftskammer, AMA Marketing, Bio Austria und die Forschung.
170 MILLIONEN EURO UND EIN UNGEWÖHNLICHES BÜNDNIS
Marie-Louise Boisen Lendal kennt beide Seiten: Sie ist auf einem dänischen Hof aufgewachsen, der Futtermittel für die Tierhaltung produzierte und leitet heute als Vorsitzende den mit 170 Millionen Euro ausgestatteten Dänischen Förderfonds zur Entwicklung des pflanzlichen Lebensmittelsektors (Plantefonden). Gemeinsam mit dem nationalen Aktionsplan für pflanzliche Lebensmittel bildet der Fonds das Herzstück des dänischen Modells.
Das Besondere daran: Gefördert wird nicht nur auf dem Acker, sondern vor allem dort, wo Lebensmittel gegessen werden. Zu den größten Förderbereichen zählen Schulungen für Köch:innen, etwa in der kommunalen Gemeinschaftsverpflegung sowie die Entwicklung neuer pflanzlicher Produkte. Auf die Frage, was Österreich als Erstes übernehmen sollte, antwortete Boisen Lendal mit zwei Punkten: Die Zusammenarbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette institutionalisieren und ein eigenes Budget für Förderung von Angebot, Nachfrage und Zusammenarbeit bereitstellen.
DIE NACHFRAGE WÄCHST KONTINUIERLICH
Die Voraussetzungen für den Erfolg pflanzlicher Produkte in Österreich sind marktseitig vielversprechend: Laut aktuellen Verkaufszahlen des Marktforschers NielsenIQ legen klassische Hülsenfrüchte leicht zu, während pflanzliche Alternativen zu Fleisch und Milchprodukten stark wachsen. Bei Fleischalternativen stieg der Absatz im österreichischen Lebensmitteleinzelhandel zuletzt um 11 Prozent, bei Milchalternativen um mehr als 8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
ÖSTERREICH HAT DIE BOHNE, ABER ZU WENIG VERARBEITUNGSKAPAZITÄTEN
Die Herkunft der Rohstoffe bleibt für Konsument:innen ein wichtiges Kaufargument, genau hier tun sich aber Lücken auf. In Bezug auf Soja ist Österreich bereits gut aufgestellt, darin war man sich auf beiden Podien im Rahmen der Veranstaltung einig: Österreich zählt zu den wichtigsten Sojaproduzenten Europas, mit hohem Bio-Anteil. Bei anderen Hülsenfrüchten ist die Wertschöpfungskette jedoch noch lückenhaft. Gerade angesichts zunehmender Herausforderungen durch Trockenheit und Hitze sowie bestehender Importabhängigkeiten gewinnt die Diversifizierung der heimischen Proteinversorgung an Bedeutung. Sie kann einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten und zur Resilienz der Lebensmittelsysteme beitragen. Dafür müssen alle Glieder der Wertschöpfungskette zusammengedacht werden – vom Saatgut über Anbau und Verarbeitung bis hin zum Konsum, und das unter verlässlichen und förderlichen Rahmenbedingungen. Die größte Chance sehen die Teilnehmer:innen neben dem Anbau in der Verarbeitung im Inland: von Reinigung, Trocknung und Vermahlung bis zur Weiterverarbeitung beispielsweise zu Tofu, Pflanzendrinks und Fleischalternativen. Zwar stehen Fördermöglichkeiten zur Verfügung, jedoch für kleinere Verarbeiter sind die Einstiegshürden häufig zu hoch, für größere Unternehmen die Förderanreize zu gering.
Als Hebel für einen stabilen Absatz für den Aufbau einer solchen Wertschöpfungskette wurden die öffentliche Beschaffung und die Gemeinschaftsverpflegung genannt. Gleichzeitig fehlt es dort oft noch an Wissen und Routinen für die Zubereitung von Hülsenfrüchten. Zwar treiben zahlreiche engagierte Akteur:innen die Offenheit für pflanzliche Produkte voran, doch bleiben diese Initiativen oft punktuell. Gefragt sind daher stärker koordinierte Anstrengungen, um bestehende Aktivitäten zu bündeln, großflächig auszubauen und Synergien zu nutzen.
DIE PIONIERE VOM FELD
Wie wichtig es ist, das Ganze im Blick zu haben, zeigt sich auf dem Feld: Fabian Poinstingl (Hummushof Bindermayr) baut seit sechs Jahren Kichererbsen in Oberösterreich an und vermarktet sie direkt als Hummus. Sein Rat: dranbleiben, denn neue Kulturen brauchen Zeit. Erdnussbauer Stefan Romstorfer (Neuland.bio) betont, dass von Anfang an die gesamte Wertschöpfungskette mitgedacht werden muss, und gezielte Förderung genau dabei helfen kann. Schweine- und Bio-Tofubauer Christoph Knittelfelder (Schmankerl vom Knittelfelder) macht Mut zu Neuem, fordert aber klare Pfade und Unterstützung für die Umstellung.
Das Fazit der Veranstaltung: Österreich hat das Potenzial, die Innovationskraft und engagierte Pionierbetriebe. Damit aus vielen einzelnen Initiativen ein schlagkräftiges Ökosystem entsteht, braucht es drei Dinge: eine umfassende politische Strategie, eine institutionalisierte Koordinationsstelle, die Landwirtschaft, Verarbeitung, Handel, Interessenvertretung, Verwaltung und Zivilgesellschaft an einen Tisch bringt, und ein eigenes Budget, um Angebot, Nachfrage und Kooperation entlang der Wertschöpfungskette gezielt zu fördern.
STIMMEN DER VERANSTALTER
“Der große Andrang zeigt, wie groß das Interesse ist, gemeinsam an einem resilienten, nachhaltigen Lebensmittelsystem zu arbeiten. Das dänische Modell hat uns dafür wertvolle Inspiration gegeben. Jetzt gilt es, die Kräfte zu bündeln, am besten durch eine koordinierende Plattform mit fachlicher Kompetenz, etwa bei der AGES”, so Verena Wiederkehr, Vorständin des Vereins für Proteinvielfalt in Österreich und Leiterin pflanzliche Geschäftsentwicklung bei BILLA.
„Europa kann seinen Sojabedarf für. Futter- und Lebensmittel nur zu 8% selbst decken. Versorgungssicherheit ist in Zeiten geopolitischer Instabilität und des Klimawandels zur Priorität geworden. Regionale und nachhaltige pflanzliche Wertschöpfungsketten sind ein zentraler Beitrag dazu“, so Aurélie Tournan, Geschäftsführerin von Donau Soja.
„Unsere Erfahrung mit der Zusammenarbeit von Landwirtschaft und Zivilgesellschaft in Dänemark ist: Auch wenn wir unterschiedliche Ausgangspunkte haben, lohnt es sich, zusammenzukommen und Probleme gemeinsam anzugehen, denn die besten Lösungen entstehen durch breiten Dialog“, so Gesandter Mathias Vaa, Botschaft und Ständige Vertretung Dänemarks.
NÄCHSTE SCHRITTE
Der Verein für Proteinvielfalt in Österreich wird sich weiter für die Vernetzung entlang der pflanzlichen Wertschöpfungskette einsetzen und lädt alle Beteiligten herzlich ein, diesen Weg gemeinsam weiterzugehen.
Verena Wiederkehr
Verein für Proteinvielfalt in Österreich
dialog@proteinvielfalt.at
+43 664 788 549 18
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