Von Fasern und Filamenten oder was eine rote Reithose erzählen kann

Neue Sonderausstellung im Technischen Museum Wien (TMW)

„Tec/xtil – Faser, Funktion, Fashion“, die neue Sonderausstellung im TMW, überrascht mit zahlreichen Hintergrundinformationen und besonderer Gestaltung. Im Mittelpunkt stehen Bekleidungstextilien, deren widersprüchliche Eigenschaften – ob kühlend oder wärmend, schützend oder schmeichelnd – wir täglich nutzen. Die Ausstellung, die vom 23. Oktober 2026 bis zum 29. August 2027 zu sehen ist, zeigt, wie Kleidung völlig unterschiedliche Funktionen erfüllen kann, beleuchtet den Herstellungsprozess von der Faser weg und vermittelt, welche Eigenschaften Textilien durch ihre Verarbeitung erhalten.

Auf einer Fläche von fast 900 m² entspinnt sich textiles Hintergrundwissen aller Art und lässt das Besondere im Selbstverständlichen erkennen: Mehr als 400 Exponate sind in der Ausstellung zu sehen, die durch eine museale Produktionsstraße führt und den Textilien bis zur mikroskopischen Ebene auf den Grund geht. Sie lässt in kugelsichere Westen blicken, erklärt, warum blauer Farbstoff Wäsche weiß macht, und fragt nicht zuletzt nach Ressourcenverbrauch und der Zukunft der Textilindustrie.

DER VORHANG ÖFFNET SICH

Ein Portal mit unterschiedlichsten Theatervorhängen lässt die Besucher:innen gleich zu Beginn in eine textile Welt eintauchen: „Tec/xtil – Faser, Funktion, Fashion“ erinnert nicht zufällig an die Dramaturgie eines Theaterstückes. Durchschritten werden darin drei theatrale Aufzüge, die Schicht um Schicht verborgene Vorgänge von der Herstellung der Textilien über deren Funktion bis zum Ende des textilen Lebens offenbaren. Zwei dramaturgische Pausen unterteilen die Ausstellungskapitel und fordern dazu auf, sich Gedanken über das Be- und Entkleiden zu machen: Stoffinseln, die in sich abgeschlossen sind, beinhalten ein Interaktivum, das in verschiedene Kleidung schlüpfen lässt und eine Zusammenstellung unterschiedlichster Formen von Nacktheit. Denn die Ausstellung verweist nicht nur auf die Zusammenhänge von Wirtschaft und Technik, Arbeit und Gesellschaft, sondern zeigt auch, wie viele unterschiedliche kulturelle Bedeutungen das An- und Entkleiden hat.

VON FASERN UND FILAMENTEN

Um zu verstehen, wie Kleidung funktioniert, lohnt sich ein Blick auf ihren Ursprung: Eine rote Reithose des österreichisch-ungarischen Kavallerieregiments wird dabei zum exemplarischen Beispiel und durchläuft eine museale Produktionsstraße. Von der Gewinnung der Faser über das Färben bis zur Konfektionierung werden an dieser Stelle die Unterschiede zwischen Weben und Wirken und die vielen Schritte von der Faser bis zum fertigen Kleidungsstück gezeigt. Automatisierte Musterwebsysteme, vergessene Berufe und faszinierende Exponate fügen sich zu einem Bild zusammen, das sich sonst den Augen der Besucher:innen entzieht.

WIDERSPRÜCHLICH UND WANDELBAR

Im zweiten Aufzug von „Tec/xtil – Faser, Funktion, Fashion“ öffnen sich für die Besucher:innen 15 Wunderkammern, die wohldurchdachte Sammelsurien an Materialien, Bekleidungstextilien, Modellen, Klein- und Kleinstexponaten beinhalten. Jeder besonderen textilen Eigenschaft ist ein Schaukasten gewidmet, in der historische Objekte aus den vielfältigen Sammlungen des TMW innovativen Textilien gegenübergestellt werden. Auf einer interaktiven Sitzgelegenheit kann diesen Eigenschaften auch mit dem eigenen Körper nachgespürt werden, während der Blick auf die detailreichen Zusammenstellungen in den Vitrinen gelenkt wird. Dort begegnen sich Frauenfez und Sulmtaler Trachtenhut, Zylinder und Sturmhaube. Besucher:innen erfahren, wie Hosen Kettensägen zum Stoppen bringen können und welche verborgenen Fäden dabei eine Rolle spielen oder aus welchen Materialien schusssichere Westen bestehen.

WAS MACHT DAS UNGETRAGENE KLEID IN DER ATACAMA-WÜSTE?

Der letzte Teil der Ausstellung zeigt die Auswirkungen der textilen Überproduktion auf den Menschen und die Umwelt, Wege der Vermeidung und Alternativen auf. Die Medienstation gleich zu Beginn des dritten Aufzugs der Sonderausstellung führt vor Augen, wie unterschiedlich die Bezahlung der Menschen ist, die innerhalb der textilen Kette arbeiten: Sechs Videos einer Installation von Oliver Walker begleiten die Arbeitenden filmisch so lange, wie sie benötigen, um einen Euro zu verdienen – von den Baumwollpflücker:innen bis zum Manager eines Textilkonzerns. Die Menschen hinter der Fast Fashion geben so den Fehlkäufen, ungetragenen und achtlos entsorgten Textilien ein Gesicht. Dahinter stehen gigantische Umweltschäden, die im globalen Süden zuerst sichtbar und durch die klimatischen Auswirkungen auch nirgendwo sonst zu leugnen sind. Neben den Fakten und Zahlen rund um die Textilindustrie überraschen die vielfältigen Möglichkeiten, mit textilem Abfall umzugehen. Von der Leasing-Jeans über das gemeinsame Weben eines Fleckerl-Teppichs bis zur Hyperspektralkamera zeigt „Tex/ctil – Faser, Funktion, Fashion“ hier den Ideenreichtum und teils vergessene Lösungen, die durch die begrenzten Ressourcen eine Renaissance in der Forschung erleben. Der Fülle an Textilien steht an dieser Stelle das Vermeiden, Reparieren, Recyceln gegenüber – und lässt den Besucher:innen Raum, über das eigene Konsumverhalten zu reflektieren, bevor sich der Vorhang am Ende der Ausstellung senkt.

DIE ZWEI WEITEREN LEBEN VON „TEC/XTIL – FASER, FUNKTION, FASHION“

Nach dem Ende der Laufzeit erhält die Sonderausstellung ein zweites und drittes Leben in anderen europäischen Technikmuseen: Im Rahmen einer internationalen Kooperation, die seit dem Jahr 2021 zwischen dem Technischen Museum Wien, dem Parque de las Ciencias in Granada und der DASA Arbeitswelt Ausstellung in Dortmund besteht, wird sie in den kommenden Jahren auch in den anderen beiden Institutionen zu sehen sein.
STATEMENT:

Technisches Museum Wien
Bettina Lukitsch
+43 1 899 98-1200
presse@tmw.at
tmw.at/presse

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