Stockende KV-Verhandlungen: vida-Tourismusvorsitzende Eva Eberhart nimmt Einladung von Staatssekretärin Zehetner zu Brückenbau an
Eberhart fordert ehrlichen Dialog über drohende Reallohnverluste und die Koppelung der Rot-Weiß-Rot-Card an faire Arbeitsbedingungen.
Als Reaktion auf den jüngsten Appell von Tourismus-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner, nach den gescheiterten Kollektivvertragsverhandlungen im Tourismus „Brücken bauen“ zu wollen, reagiert die Gewerkschaft vida heute mit einem Offenen Brief. Eva Eberhart, Vorsitzende des Fachbereichs Tourismus in der Gewerkschaft vida, nimmt das Gesprächsangebot der Staatssekretärin ausdrücklich an. Sie fordert jedoch, dass dabei die realen und veränderten Rahmenbedingungen am Arbeitsmarkt ungeschminkt auf den Tisch gelegt werden müssen.
DER OFFENE BRIEF IM WORTLAUT:
SEHR GEEHRTE FRAU STAATSSEKRETÄRIN ZEHETNER,
Sie haben recht: Die Stärke der Sozialpartnerschaft beweist sich in der Krise, nicht in der Komfortzone. Wir nehmen Ihre Einladung, Türen zu öffnen und Brücken zu bauen, sehr gerne an. Um tragfähige Brücken zu bauen, braucht es jedoch ein ehrliches, stabiles Fundament. Wir müssen über die Realität sprechen, die die rund 240.000 Beschäftigten in der Hotellerie und Gastronomie derzeit erleben.
Dass die Fronten verhärtet sind, ist nicht etwa auf unvernünftiges Handeln der Gewerkschaft zurückzuführen. Vielmehr spüren die Beschäftigten, dass ihre Löhne kaufkraftbereinigt und real sinken. Wenn das letzte Angebot der Arbeitgeberseite nicht einmal die Teuerung abdeckt, müssen wir nicht über eine „Überforderung der Betriebe“ reden, sondern über eine drohende Verarmung von Menschen, die das Rückgrat unseres Tourismus bilden. Motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Sie völlig zu Recht als Basis jedes Erfolgs nennen, gibt es nur, wenn sie von ihrer Arbeit auch leben können.
RWR-CARD AN VERÄNDERTE RAHMENBEDINGUNGEN ANPASSEN
Brückenbauen bedeutet für uns auch, über die verfehlte Arbeitsmarktpolitik zu sprechen. Bei den KV-Gesprächen lagen die Positionen zuletzt nur noch um wenige Eurobeträge auseinander. Doch gleichzeitig erhalten Betriebe durch das aktuelle System der Rot-Weiß-Rot-Card weiterhin das Signal, dass sie bei einer ausbleibenden Einigung einfach auf billigere Arbeitskräfte aus Drittstaaten zurückgreifen können. Darüber haben Betriebe nach wie vor die Möglichkeit, über Saisonkontingente tausende kurzzeitig Beschäftigte aus Nicht-EU-Ländern anzuwerben. Dadurch sinkt der Anreiz, attraktive Arbeitsplätze und faire Löhne zu schaffen.
Wir fordern Sie daher auf, sich gemeinsam mit uns für eine Anpassung der Rot-Weiß-Rot-Card an die geänderten Rahmenbedingungen einzusetzen: Der Zuzug darf kein Werkzeug für Lohndumping sein, sondern muss strikt an die Einhaltung fairer, branchenüblicher Standards gekoppelt werden. Saisonkontingente in der Tourismusbranche müssen in Anbetracht der aktuellen Arbeitslosenzahlen vollständig gestrichen werden.
DIE ABSURDITÄT AM ARBEITSMARKT: EIN BLICK AUF DIE AKTUELLEN ZAHLEN
Wie dringend ein Kurswechsel ist, zeigen die jüngst veröffentlichten Arbeitsmarktdaten für Juni auf dramatische Weise. Wir sehen einen massiven Anstieg der Frauenarbeitslosigkeit um 5,9 Prozent. Hier schließt sich ein Kreis und die Absurdität der aktuellen Politik wird sichtbar:
Ausgerechnet in der Pflege und im Tourismus – traditionell weiblich geprägte Sektoren – wird händeringend Personal gesucht. Und was macht die Politik? Sie sieht dabei zu, wie die Arbeitslosigkeit unter Frauen im Inland steigt, während gleichzeitig mit enormen Steuermitteln Arbeitskräfte für die Pflege und Tourismus aus Drittstaaten importiert werden. Das ist eine beschäftigungspolitische Geisterfahrt! Es reicht! Wir müssen das vorhandene Potenzial – insbesondere das der Frauen – durch attraktive Rahmenbedingungen, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und faire Entlohnung heben, anstatt die Lösung ausschließlich im Arbeitskräfte-Import zu suchen.
Sehr geehrte Frau Staatssekretärin, nutzen wir Ihre offenen Türen. Lassen Sie uns an einen Tisch setzen, um nicht nur über den Tourismus, sondern über die Gesamtsituation der arbeitenden Menschen in diesem Land zu sprechen. Wir sind bereit für den Brückenbau – für gesunde Betriebe, aber vor allem für alle Beschäftigten, die den Tourismus erfolgreich tragen.
Mit freundlichen Grüßen,
EVA EBERHART
_Vorsitzende des Fachbereichs Tourismus der Gewerkschaft vida_
Gewerkschaft vida – Öffentlichkeitsarbeit
Cornelia Groiss
Mobil: +43 664 6145 756
E-Mail: cornelia.groiss@vida.at
www.vida.at
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