ORF-Pressegespräch zu „Universum History: Genosse Tito – Partisan, Volksheld, Diktator“
Am 25. September um 22.35 Uhr in ORF 2; Dokuserie ab 24. September auf ORF ON; „Titos Vermächtnis“ zudem Thema in Ö1-Sendungen
Josip Broz „Tito“ war vieles in einem. Er gilt als jener, der den sozialistischen Vielvölkerstaat Jugoslawien jahrzehntelang zusammengehalten hat. Sein Traum vom vereinten Jugoslawien sollte jedoch nur von kurzer Dauer sein. Im Zweiten Weltkrieg führt Tito die antifaschistische Partisanenbewegung an, die vor allem gegen Hitlers Truppen kämpft. Durch den militärischen Erfolg wächst sein Ansehen in der Bevölkerung. Viele Menschen projizieren ihre Hoffnungen auf Tito, der 1945 Staatschef der Volksrepublik Jugoslawien wird. Jahrzehntelang lenkt er die Geschicke des Staates und genießt internationales Ansehen in Politik und Kultur, während er Oppositionelle im eigenen Land unterdrückt und wegsperren lässt.
Die neue „Universum History“ Dokumentation „Genosse Tito – Partisan, Volksheld, Diktator“ von Sasha Djurkovic und Caroline Schaper – szenische Regie: Danielle Proskar – zeichnet nach, wie aus dem gelernten Schlosser ein autokratischer Präsident wurde, dessen Popularität in der Bevölkerung beinahe unantastbar schien. Prominente Zeitzeuginnen geben Einblick, wie man sich in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens bis heute an Tito erinnert. Die Koproduktion von LOOKSfilm, ORF und rbb/Arte dokumentiert Leben und Wirken von Tito und fragt, warum Tito für viele Menschen im ehemaligen Jugoslawien bis heute fast gottgleich ist. Neben einer 90-minütigen Version im linearen TV am Freitag, dem 25. September 2026, um 22.35 Uhr in ORF 2 zeigt ORF ON ab 24. September eine sechsteilige Doku-Serie zu je 30 Minuten.
Als Zeitzeuginnen und Zeitzeugen kommen ausschließlich Menschen zu Wort, deren Familiengeschichte im ehemaligen Jugoslawien verankert ist – u. a. die Performance-Künstlerin Marina Abramović, die als Studentin Ende der 1960er Proteste an der Universität in Belgrad organisiert hat, oder die Journalistin Olivera Stajić, die „die klassische Gastarbeitergeschichte“ anhand der ihrer Eltern erzählt. Dazu kommen zahlreiche Historiker:innen, deren Analysen ein Bild der ebenso schillernden wie umstrittenen historischen Figur Tito zeichnen.
Einblicke in das Dokuprojekt gaben heute, Mittwoch, 16. September, im RadioCafe im ORF RadioKulturhaus Gerald Heidegger, Ressortleiter Zeitgeschichte/Zeitgeschehen für die Hauptabteilung ORF Wissen, und „Universum History“-Sendungsverantwortliche Caroline Haidacher im Rahmen eines Pressegesprächs mit den Regisseurinnen Sasha Djurkovic und Danielle Proskar sowie den Produzentinnen Birgit Rasch und Petra Gruber.
Caroline Haidacher, Sendungsverantwortliche „Universum History“: „Tito ist gleichsam schillernd und widersprüchlich. Aus der Vergangenheit wirkt er in die Gegenwart wie kaum ein anderer – aus einem Land und einer Zeit, die es nicht mehr gibt. Seiner Person so nahe wie möglich zu kommen und dabei die Dynamiken verständlich machen, die der Nährboden für eine derartige Legendenbildung sind, ist der Anspruch dieser ‚Universum History‘-Dokumentation.“
Birgit Rasch, Produzentin LOOKSfilm, und Petra Gruber, Produzentin LOOKSVienna: „Die gesellschaftspolitischen Entwicklungen des vergangenen Jahrzehnts zeigen eine zunehmende Fragmentierung und eine Rückbesinnung auf illiberale, autoritäre und nationalistische Ideen – ob in Russland, den USA, China, Saudi-Arabien oder der Türkei. Angesichts dieser Entwicklungen lohnt sich der Blick in die nicht allzu ferne Vergangenheit: auf ein einzigartiges politisches Experiment unter der Führung eines außergewöhnlichen und zugleich widersprüchlichen Menschen – Josip Broz Tito, dem ‚Lieblingsdiktator des Westens‘. Tito gelang es, nach dem Zweiten Weltkrieg ein neues föderales Jugoslawien zu formen und über Jahrzehnte vergleichsweise stabil zusammenzuhalten. Wie konnte ihm das gelingen? Dieser Frage geht unser Film ‚Genosse Tito. Partisan, Volksheld, Diktator‘ nach.“
Sasha Djurkovic, Regisseurin: „Mir war wichtig, dass die Herzlichkeit der Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien im Film spürbar wird. Die Interviews sollten persönlich wirken und, wo immer möglich, auch emotional berühren. Die Serie ist reich an Fakten und historischen Ereignissen. Doch in der Montage war es ebenso wichtig, diese emotionalen Momente zu bewahren und ihnen Raum zu geben.“
Danielle Proskar, Regisseurin Spielszenen, über die Herausforderungen bei der Umsetzung der Reenactments: „Tito ist den ganzen Film hindurch im Archivmaterial präsent. Die Herausforderung der Spielszenen lag also genau darin – nämlich ihn glaubwürdig darzustellen, ohne dabei in die Peinlichkeit zu kippen. Dabei hatten wir mit der Besetzung großes Glück.“
Gerald Heidegger, Ressortleiter Zeitgeschichte/Zeitgeschehen für die Hauptabteilung ORF Wissen: „Wenn Tito als ‚Lieblingsdiktator des Westens‘ gesehen wurde und seine Figur heute in exil-jugoslawischen Communities gerne verklärt wird, dann lohnt ein genauerer Blick auf den Aufstieg dieser charismatischen Führungsfigur, der es zweifellos gelungen ist, die verschiedenen ethnischen Gruppierungen zu einem Vielvölkerstaat zu formen und für diesen auch Leitbilder, Identität und gemeinsame Mythen zu formulieren. Doch das System Tito hatte seinen Preis – und diesen benennt diese Dokumentation nicht zuletzt. Sie erinnert an die unterschiedlichen Sichtweisen auf Tito nach Tito – und erinnert, dass es keinen Schwarz-Weiß-Blick auf Figuren wie ihn gibt. Dennoch: Ein Jugoslawien, wie es Tito geschaffen hat, wird und kann es nicht mehr geben. Die Frage für die Gegenwart aber bleibt, ob die Nachfolgestaaten unter einem europäischen Dach perspektivisch wieder mehr Gemeinsamkeiten entdecken können – oder ob sie die Grenzen zu ihren nächsten Nachbarn vertiefen werden.“
„Titos Vermächtnis“ Thema in Ö1-Sendungen:
In einem anschließenden Pannel diskutierte Ö1-Redakteurin Barbara Zeithammer mit Journalistin und Zeitzeugin Olivera Stajić, dem Diplomaten und Balkan-Experten Wolfgang Petritsch und Historikerin Marie-Janine Calic, Professorin für die Geschichte Ost- und Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München, zum Thema „Titos Vermächtnis – Ein Mythos und die Zeit danach“. Das Expertengespräch wurde für das Radio aufgezeichnet und ist am 9. Dezember in den Ö1-„Passagen“ (21.00 Uhr) zu hören. Im Jänner 2027 folgt ein „Betrifft: Geschichte“ über „Tito und das Jugoslawien danach“ mit Historikerin Marie-Janine Calic. Auch ein „Punkt eins“-Bericht (13.00 Uhr) am 21. September über die aktuelle Lage in Serbien nimmt Bezug auf die „Tito“-Dokumentation.
Details zur „Universum History“-Dokumentation „Genosse Tito – Partisan, Volksheld, Diktator“ sind unter https://presse.ORF.at abrufbar.
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