Zentralmatura, Berufsorientierung und Ethikunterricht im Schülerinnen- und Schülerparlament
150 Schülervertreterinnen und -vertreter diskutieren ihre Vorschläge für ein besseres Bildungssystem
Im Österreichischen Schülerinnen- und Schülerparlament (ÖSIP) setzten sich heute Schülervertreterinnen und -vertreter aus ganz Österreich unter anderem für faire Bedingungen bei der Zentralmatura ein. Weitere Forderungen betrafen eine bessere Vorbereitung auf die Oberstufe, flexiblere Stundenpläne, mehr Berufsorientierung sowie verpflichtenden Ethikunterricht in der Primarstufe für Schülerinnen und Schüler, die keinen Religionsunterricht besuchen.
Das ÖSIP ist seit 2018 gesetzlich verankert. In ihrer ganztägigen Sitzung brachten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer heute im Nationalratssaal eine Vielzahl an Ideen und Forderungen zur Weiterentwicklung des Schulsystems ein. Die im Plenum angenommenen Anträge werden nun dem Bildungsministerium und dem Nationalrat vorgelegt.
ROSENKRANZ: POLITISCHE TEILHABE LERNEN, LEBEN UND WEITERENTWICKELN
Nationalratspräsident Walter Rosenkranz betonte in seinen Begrüßungsworten, dass das Schülerinnen- und Schülerparlament ein lebendiges Zeugnis dafür sei, dass demokratische Teilhabe gelernt, gelebt und weiterentwickelt werden könne. Er rief die Schülerinnen und Schüler dazu auf, die Gelegenheit zu nutzen, um ihre Gedanken einzubringen, einander zuzuhören und den Mut zu haben, ihre Überzeugungen zu vertreten. Sie sollten die Erfahrung machen, dass Demokratie von Beteilung lebe und jede und jeder Einzelne dazu einen wichtigen Beitrag leisten könne.
WIEDERKEHR WILL SCHÜLERINNEN UND SCHÜLER IN DIE POLITISCHE ARBEIT „INVOLVIEREN“
Bildungsminister Christoph Wiederkehr ging darauf ein, dass laut Studien immer weniger junge Menschen an Demokratie glauben. Die gute Nachricht sei aber, dass die Jugend gehört werden und mitreden wolle. Als Bildungsminister setze er sich für die Modernisierung der Schulen ein, sodass diese junge Menschen gut auf ihr weiteres Leben vorbereite. Zudem wolle er Schülerinnen und Schüler in die politische Arbeit „involvieren“, so Wiederkehr. Er versicherte, dass seitens der Politik bereits an vielen der Themen gearbeitet werde, die von den Jugendlichen im Schülerinnen- und Schülerparlament aufgegriffen werden.
ZENTRALMATURA, BERUFSORIENTIERUNG, ETHIK UND FLEXIBLERE STUNDENPLÄNE
Von den 24 im ÖSIP eingebrachten Anträgen wurden heute fünf ausführlich im Plenum debattiert und abgestimmt. Sie erhielten unter Berücksichtigung von zahlreichen Ergänzungs- und Abänderungsanträgen eine Mehrheit.
Zu Beginn der Sitzung debattierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des ÖSIP über mehr Fairness bei der Zentralmatura. Einem Antrag zufolge offenbare sich im Fach Deutsch eine „deutliche digitale Kluft“, da nicht alle Schülerinnen und Schüler am Computer mithilfe von Rechtschreibprüfungen arbeiten dürften. Auch im Fach Mathematik gebe es nicht an allen Schulstandorten dieselbe Vorbereitung hinsichtlich der Nutzung digitaler Programme. Eine weitere Forderung des Antrags betraf die Beibehaltung der „30-%-Regel“, da die Leistungsbeurteilung „nicht auf eine bloße Momentaufnahme in einer einzigen Prüfungswoche“ reduziert werden dürfe.
Ausführlich diskutierten die Schülerinnen und Schüler einen Antrag zum Thema Berufs- und Talentförderung. Viele Jugendliche hätten keine Antwort darauf, was sie nach der Schule machen möchten, da ihnen aufgrund der Vielzahl an Möglichkeiten die Orientierung fehle und sie ihre eigenen Stärken zu wenig kennen würden. Oft werde über die junge Generation gesagt, dass sie nur auf Work-Life-Balance achten würde und sich nicht festlegen wolle, doch genau das Gegenteil sei der Fall, meinte die Antragsstellerin. Ihre Generation wachse in einer Welt auf, die sich im Wandel befinde. Daher sei nicht weniger, sondern mehr Orientierungshilfe notwendig.
Ebenfalls debattiert und positiv abgestimmt wurden Anträge für eine bessere Vorbereitung auf die Oberstufe und für eine flexiblere Gestaltung von Lernzeiten anstelle starrer Stundenpläne. Angenommen wurde außerdem eine Initiative für verpflichtenden Ethikunterricht in der Primarstufe, für alle Schülerinnen und Schüler, die keinen Religionsunterricht besuchen.
AUSTAUSCH MIT ABGEORDNETEN ZU BILDUNGSPOLITISCHEN THEMEN
Abgeordnete aller Fraktionen beantworteten Fragen der Schülerinnen und Schüler. Auf positive Erinnerungen an seine Schulzeit angesprochen, hob FPÖ-Bildungssprecher Hermann Brückl den Wert des persönlichen Austauschs hervor. Die Art zu kommunizieren habe sich durch den technischen Fortschritt stark verändert, sagte Brückl und plädierte dafür, den sozialen Austausch wieder zu stärken und in gemeinsamen Gesprächen neue Ideen „auf die Welt zu bringen.“ In der Bildungspolitik sei es aus seiner Sicht notwendig, „mehr Ruhe in die Diskussion zu bringen“ und „das Experimentieren“ zurückzunehmen, um den „essenziellen Dingen“ mehr Wert schenken zu können.
ÖVP-Bildungssprecher Nico Marchetti teilte Erinnerungen an seine Zeit als Schülerinnen- und Schülervertreter. Er rief die Jugendlichen dazu auf, sich einzubringen und machte darauf aufmerksam, dass der Diskurs „etwas Gutes“ sei. Auseinandersetzung baue auf Pro- und Kontra-Rede auf und das Parlament sei jener Ort, der gebraucht werde, um darüber zu diskutieren, was die Menschen im Land bewege. Er ermutigte die Schülerinnern und Schüler „die Debatte zu genießen“ und die darin liegende Chance zu sehen.
Seinen Weg in die Bildungspolitik habe er gefunden, weil er dazu beitragen wolle, Ungerechtigkeiten zu beseitigen, sagte SPÖ-Bildungssprecher Heinrich Himmer. Er lobte die „coolen“ Anträge im Schülerinnen- und Schülerparlament, von denen er viele unterstütze, wie beispielsweise die Forderung nach „Demokratie von Anfang an“ und eine „Stärkung von Inklusion“. Ziel in der politischen Arbeit sei es, einen gemeinsamen Weg zu suchen, um Themen anzusprechen, die für junge Menschen konkrete Verbesserungen bringen, so Himmer.
Auch NEOS-Abgeordneter Dominik Oberhofer (NEOS) erinnerte sich im Gespräch mit den Jugendlichen an seine Schulzeit zurück und erzählte, dass er in einer Waldorfschule maturiert habe. Dort habe es als Zeugnisse „mündliche Beurteilungen“ gegeben, die er bis heute jährlich gerne nachlese. Denn diese seien „nicht nur eine Note“ gewesen, sondern „Feedback, das bleibt“, unterstrich Oberhofer. Er drückte daher seine persönliche Unterstützung für einen Antrag eines Teilnehmers des Schülerinnen- und Schülerparlaments aus, mit dem dieser für eine „klare Feedbackkultur“ in Schulen plädiert.
Gefragt nach ihrem Alltag als Politikerin, sagte Abgeordnete Barbara Neßler (Grüne), dass jeder Tag „wie ein Überraschung sei“ und eine Achterbahnfahrt, da viel Unvorhergesehenes passiere. Außerdem betonte sie, dass Politik davon lebe, dass „möglichst viele mitmachen“ und ermutigte die Schülerinnen und Schüler, ihre Anliegen aktiv an die politisch Verantwortlichen zu kommunizieren. Denn es brauche viele „laute Stimmen“, so Neßler. Als einen ihrer bildungspolitischen Schwerpunkte ging sie zudem auf das Thema Bildungsgerechtigkeit ein.
BAUER: VIELE MUTIGE ENTSCHEIDUNGEN TREFFEN
Zum Abschluss des diesjährigen Schülerinnen- und Schülerparlaments dankte Jugendministerin Claudia Bauer den rund 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmern für ihr Engagement. Sie wünschte den Jugendlichen für die Zukunft „viele mutige Entscheidungen“ und bat sie darum, auch weiterhin als Jugendvertreterinnen und -vertreter ihre Stimmen zu erheben. Als Europaministerin erinnerte sie an den heutigen 32. Jahrestag der Volksabstimmung über den EU-Beitritt Österreichs und machte auf das Auslandsprogramm Erasmus+ der Europäischen Union für Studierende und Lehrlinge aufmerksam.
In ihren Schlussworten blickte Bundesschulsprecherin Hannah Scheidl auf ein äußerst bewegtes Jahr zurück und drückte ihre Freude darüber aus, dass in diesem Jahr eine der „wichtigsten und längsten Forderungen“ der Bundesschülervertretung (BSV) in die Realität umgesetzt werde: Die Schaffung der beiden neuen Unterrichtsfächer „Demokratie und Medienbildung“ sowie „Informatik und künstliche Intelligenz“ in der AHS-Oberstufe. (Schluss) bea
HINWEIS: Fotos und ein Video-on-Demand von dieser Veranstaltung sowie eine Nachschau auf vergangene Veranstaltungen finden Sie im Webportal des Parlaments.
————————-
Pressedienst der Parlamentsdirektion
Parlamentskorrespondenz
Tel. +43 1 40110/2272
pressedienst@parlament.gv.at
www.parlament.gv.at/Parlamentskorrespondenz
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS. www.ots.at
© Copyright APA-OTS Originaltext-Service GmbH und der jeweilige Aussender
Kommentare sind geschlossen, aber trackbacks und Pingbacks sind offen.