Wer soll bis über 70 arbeiten, Herr Mattle?
Gerstorfer: „45 Arbeitsjahre sind realitätsfern. Ohne Arbeitsplätze für ältere Arbeitnehmer*innen drohen mehr Altersarbeitslosigkeit und ein massiver Vertrauensverlust.“
Mit seiner Forderung, einen Pensionsantritt ab dem 65. Lebensjahr künftig an 45 Arbeitsjahre beziehungsweise 45 Jahre, in denen in das Pensionssystem einbezahlt wurde, zu knüpfen, hat Tirols Landeshauptmann Anton Mattle eine Debatte losgetreten, die vor allem eines bewirkt: Verunsicherung. „Wer 45 Arbeitsjahre zur Voraussetzung für eine Pension machen will, nimmt in Kauf, dass viele Menschen – etwa wegen eines späteren Berufseinstiegs nach Schul- oder Berufsausbildung, Phasen der Arbeitslosigkeit oder unterbrochener Erwerbsbiografien – erst deutlich nach dem gesetzlichen Pensionsalter und vielfach sogar erst mit über 70 Jahren alle Voraussetzungen erfüllen können. Das ist weder realistisch noch sozial gerecht. Das ist kein Reformvorschlag, sondern ein Rezept für mehr Altersarbeitslosigkeit und weniger Vertrauen in unseren Sozialstaat“, kritisiert Birgit Gerstorfer, Präsidentin des Pensionistenverbandes Österreichs (PVÖ). ****
Der Jahresbericht 2025 der Pensionsversicherung* zeigt, wie weit Mattles Vorschlag von der Lebensrealität entfernt ist: Personen, die im Jahr 2025 eine Alterspension angetreten haben, verfügten durchschnittlich über 477 Versicherungsmonate – das entspricht 39 Jahren und 9 Monaten. Mattles Vorschlag orientiert sich hingegen an 45 Arbeitsjahren, also an einem deutlich längeren Erwerbsverlauf. Zwischen den durchschnittlich ausgewiesenen 477 Versicherungsmonaten und 540 Monaten liegen 63 Monate beziehungsweise mehr als fünf zusätzliche Versicherungsjahre.
„Dabei sprechen wir noch gar nicht vom tatsächlichen Lebensalter. Viele Menschen beginnen ihre Erwerbsbiografie nicht mit 15 oder 16 Jahren, sondern erst nach einer Schul- oder Berufsausbildung oder einem Studium. Andere verlieren kurz vor der Pension ihren Arbeitsplatz oder haben Erwerbsunterbrechungen. Gerade deshalb würden viele Menschen die von Mattle geforderten 45 Arbeitsjahre erst lange nach dem 65. Geburtstag erreichen – vielfach sogar erst mit über 70 Jahren“, betont Gerstorfer.
WO SOLLEN DIESE MENSCHEN ÜBERHAUPT ARBEITEN?
Für den Pensionistenverband stellt sich vor allem eine Frage: „Wer soll bis über 70 arbeiten, Herr Mattle?“
„Schon heute verlieren viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Jahre vor ihrer Pension den Arbeitsplatz oder finden ab 60 kaum mehr eine neue Beschäftigung. Wer längere Arbeitszeiten fordert, muss zuerst erklären, woher die Arbeitsplätze für ältere Menschen kommen sollen. Ohne entsprechende Beschäftigungsmöglichkeiten drohen mehr Altersarbeitslosigkeit und soziale Unsicherheit.
PVÖ FORDERT BONUS-MALUS-SYSTEM
Gerade deshalb fordert der Pensionistenverband seit Jahren ein wirksames Bonus-Malus-System am Arbeitsmarkt. Unternehmen, die ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer beschäftigen und bis zum Regelpensionsalter im Betrieb halten, sollen belohnt werden. Betriebe, die ältere Beschäftigte regelmäßig frühzeitig aus dem Erwerbsleben drängen und die Folgekosten der Allgemeinheit überlassen, müssen stärker in die Verantwortung genommen werden. „Das eigentliche Problem liegt nicht beim Pensionssystem, sondern am Arbeitsmarkt. Wer ernsthaft längere Erwerbsbiografien will, muss endlich dafür sorgen, dass ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer überhaupt eine Chance auf Beschäftigung haben.“
MIT DEM VERTRAUEN DER MENSCHEN SPIELT MAN NICHT
Die Präsidentin des Pensionistenverbandes warnt zudem vor den Auswirkungen solcher Vorschläge auf das Vertrauen in das österreichische Pensionssystem. „Unser Pensionssystem ist eine tragende Säule des Sozialstaates. Es lebt davon, dass die Menschen darauf vertrauen können, dass die Spielregeln verlässlich sind. Wer mit unausgereiften Forderungen Schlagzeilen produziert und den Eindruck erweckt, eine sichere Pension rücke für viele Menschen immer weiter in die Ferne, beschädigt dieses Vertrauen. Das ist unverantwortlich.“ Für Gerstorfer wirkt Mattles Vorstoß daher wenig durchdacht: „Offenbar ging es hier mehr um eine provokante Schlagzeile als um einen ernsthaften Reformvorschlag. Wer fordert, dass Menschen nach 45 Arbeitsjahren erst Anspruch auf eine Pension haben sollen, muss nicht nur sagen, wie jene Menschen diese Arbeitsjahre erreichen sollen, die schon heute lange vor der Pension ihren Arbeitsplatz verlieren, – nein er muss auch sagen, dass es sich um eine durchschnittliche Anhebung des Pensionsantrittsalters auf über 70 Jahre handelt.“
WENN SCHON EINE ÖFFENTLICHE DEBATTE, DANN EINE VOLLSTÄNDIGE
Anton Mattle hat zuletzt vorgeschlagen, die Zukunft des Pensionssystems öffentlich zu diskutieren. „Selbstverständlich muss über die langfristige Finanzierung unseres Sozialstaates diskutiert werden. Aber dann bitte ehrlich und umfassend“, erklärt Gerstorfer. „Wenn Herr Mattle eine öffentliche Debatte fordert, dann müssen auch alle Finanzierungsoptionen auf den Tisch. Dann müssen wir ebenso öffentlich darüber diskutieren, welchen Beitrag Millionen- und Milliardenvermögen zur Finanzierung unseres Sozialstaates leisten können. Es kann nicht sein, dass reflexartig bei Arbeitnehmerinnen, Arbeitnehmern und Pensionistinnen und Pensionisten angesetzt wird, während eine faire Besteuerung sehr großer Vermögen von der ÖVP kategorisch abgelehnt wird. Wer eine ernsthafte Debatte über die Zukunft unseres Sozialstaates führen will, muss bereit sein, alle Optionen zu diskutieren – nicht nur jene zulasten der Menschen, die dieses Land jahrzehntelang mit ihrer Arbeit aufgebaut haben.“
_*Quelle: Pensionsversicherung, Jahresbericht 2025, Seite 133: Durchschnittlich 477 Versicherungsmonate (inklusive Ersatzzeiten, Teil- und Selbstversicherung) bei Neuzugängen in die Alterspension. _
Pensionistenverband Österreichs
GS Christian Rösner-El-Heliebi, MSc.
Mag. Susanne Ellmer-Vockenhuber, Bakk.
E-Mail: presse@pvoe.at
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