Einsamkeit ist kein Privatproblem
pro mente Austria fordert zum Welttag der psychischen Gesundheit mehr gesellschaftliche Teilhabe und früh erreichbare psychosoziale Unterstützung
EINSAMKEIT BETRIFFT UNS ALLE – BESONDERS AKUT IST DAS THEMA BEI JUNGEN UND ÄLTEREN MENSCHEN: RUND 20 PROZENT DER 16- BIS 24-JÄHRIGEN IN ÖSTERREICH GEBEN AN, SICH MEISTENS ODER IMMER EINSAM ZU FÜHLEN. BEI DEN ÜBER 80-JÄHRIGEN FÜHLEN SICH 26 PROZENT HÄUFIG ODER MANCHMAL EINSAM, 45 PROZENT FEHLT OFT ODER ZEITWEISE GESELLSCHAFT. DIE ZAHLEN MACHEN DEUTLICH: EINSAMKEIT IST WEDER EIN RANDPHÄNOMEN NOCH EIN REIN PRIVATES PROBLEM. SIE STEHT IN ENGEM ZUSAMMENHANG MIT SOZIALEN UND WIRTSCHAFTLICHEN LEBENSVERHÄLTNISSEN, GESELLSCHAFTLICHEN RAHMENBEDINGUNGEN UND DER FRAGE, OB MENSCHEN UNTERSTÜTZUNG FINDEN, WENN PSYCHISCHE BELASTUNGEN STEIGEN. ZUM ABSCHLUSS DES DIESJÄHRIGEN AKTIONSMONATS YELLOW SEPTEMBER UNTER DEM MOTTO „GEMEINSAM GEHT MEHR!“ BETONT PRO MENTE AUSTRIA DIE NOTWENDIGKEIT, EIN BREITERES BEWUSSTSEIN FÜR EINSAMKEIT UND SUIZIDPRÄVENTION ALS GESAMTGESELLSCHAFTLICHE AUFGABEN ZU SCHAFFEN.
_„Wer über Einsamkeit spricht, darf die Verantwortung nicht allein bei den Betroffenen abladen. Menschen brauchen Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe – und sie brauchen psychosoziale Hilfsangebote, die zur Verfügung stehen, bevor sich schwierige Lebenssituationen zur Krise auswachsen“_, sagt Priv.-Doz. Dr. Günter Klug, Präsident von pro mente Austria.
Gerade mit Blick auf die Suizidprävention ist dies besonders relevant: Einsamkeit und soziale Isolation können gemeinsam mit anderen Belastungsfaktoren das Risiko für psychische Krisen und Suizidalität erhöhen. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen waren Suizide im Jahr 2025 mit 19,1 Prozent die häufigste Todesursache. Gleichzeitig steigt das Suizidrisiko in Österreich mit zunehmendem Alter deutlich an – ab 75 Jahren ist es fast zweieinhalbmal, ab 85 Jahren etwa fünfmal so hoch wie im Bevölkerungsdurchschnitt.
Bereits zum Auftakt des Aktionsmonats diskutierte pro-mente-Austria-Präsident Günter Klug am 10. September bei der BÖP-Veranstaltung „Allein unter Menschen: Warum Einsamkeit zunimmt und Psychologie hilft“ gemeinsam mit anderen Expert:innen über Ursachen und mögliche Wege aus der Einsamkeit.
Genau einen Monat später, am Welttag der psychischen Gesundheit, 10. Oktober, greift Günter Klug das Thema erneut auf: Beim „Infotag zur mentalen Gesundheit“ der Österreichischen Gesundheitskasse in Tulln spricht der Präsident von pro mente Austria über „Einsamkeit – Ein unterschätzter Stressfaktor unserer Zeit“. Der Vortrag beginnt um 10.30 Uhr im Universitäts- und Forschungszentrum Tulln, der Eintritt ist frei.
_„Psychische Erkrankungen und herausfordernde Lebenslagen können dazu beitragen, dass sich Einsamkeit verfestigt. Dauerhafte Einsamkeit kann auch die Wahrnehmung von sozialen Interaktionen ungünstig beeinflussen, indem Reaktionen anderer etwa negativ interpretiert werden. Umso wichtiger ist es, früh gegenzusteuern: mit einfach zugänglichen Angeboten, die positive Erfahrungen von Zugehörigkeit ermöglichen“_, so Günter Klug.
EINSAMKEIT ALS FRAGE DER LEBENSUMSTÄNDE
Einsamkeit ist ein subjektives Gefühl – ihre Ursachen liegen aber nicht ausschließlich beim einzelnen Menschen.
Wie groß der Einfluss sozialer und ökonomischer Faktoren auf Einsamkeit ist, zeigt die aktuelle Datenlage: Unter Menschen, die von ausgeprägter materieller und sozialer Benachteiligung betroffen sind, fühlen sich 35 Prozent immer oder meistens einsam. Bei Personen mit geringeren finanziellen und sozialen Einschränkungen sind es lediglich sechs Prozent.
Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert Einsamkeit und soziale Isolation mittlerweile ausdrücklich als öffentliches Gesundheitsthema. Ein aktueller Bericht zu sozialer Verbundenheit verweist neben individuellen Faktoren unter anderem auf Einkommen, Bildung, gesundheitliche Einschränkungen, gesellschaftliche Ausgrenzung sowie einschneidende Lebensveränderungen als mögliche Risikofaktoren.
_„Wenn Menschen aufgrund von Armut, Arbeitslosigkeit, Krankheit, fehlender Mobilität oder anderer Barrieren kaum am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können, lässt sich Einsamkeit nicht mit der Aufforderung lösen, mehr unter Menschen zu gehen“_, betont Klug. _„Psychische Gesundheit wird wesentlich davon mitbestimmt, ob Menschen Zugang zu Gemeinschaft, Unterstützung und Versorgung haben. Genau dort muss Prävention ansetzen._
JUNGE MENSCHEN BRAUCHEN ECHTE NÄHE UND ZUGEHÖRIGKEIT
Jugend und junges Erwachsenenalter sind Lebensphasen großer Veränderungen. Das Ende der Schulzeit, der Einstieg in das Berufsleben, der Auszug von zuhause – diese Umbrüche bedeuten häufig auch, dass verlässliche Sozialstrukturen wegfallen bzw. neu aufgebaut werden müssen.
Dabei geht es nicht zwingend um einen Mangel an Kontakten. Junge Menschen können sich auch in einer Gruppe oder trotz zahlreicher Online-Kontakte einsam fühlen – wenn keine echte Nähe und Zugehörigkeit besteht.
_„Gerade in Übergangsphasen brauchen junge Menschen ein tragfähiges soziales Netzwerk und Orte, die Begegnungen unter Gleichaltrigen erleichtern. Sie müssen die Erfahrung machen können, dass ihre Fähigkeiten, ihre Meinung und ihre Anwesenheit für andere von Bedeutung sind. Das Erleben von Verbundenheit und Selbstwirksamkeit kann einem zunehmenden Rückzug entgegenwirken“_, betont Klug.
GERADE IM HÖHEREN ALTER BRAUCHT ES STRUKTUREN, DIE SOZIALE TEILHABE ERMÖGLICHEN
Im hohen Alter zeigt sich eine andere Ausgangslage. Während Einsamkeit nicht automatisch mit dem Lebensalter zunimmt, können sich Risikofaktoren für soziale Isolation häufen: Chronische Erkrankungen, der Verlust nahestehender Menschen, eingeschränkte Selbstständigkeit, psychische Erkrankungen – insbesondere Depressionen – und die Einschränkung der Mobilität können zusammenwirken.
_„Ältere Menschen dürfen nicht aus dem Blick unserer Gesellschaft geraten, nur weil ihr Aktionsradius kleiner wird. Gerade im höheren Alter braucht es Strukturen, die soziale Teilhabe ermöglichen und psychische Belastungen wahrnehmen – auch dann, wenn die Betroffenen selbst keine Hilfe einfordern“_, so Klug.
KAMPF GEGEN EINSAMKEIT IST WIRKSAMER HEBEL IN DER SUIZIDPRÄVENTION
Der Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Suizidalität zieht sich durch beide Altersgruppen, die pro mente Austria in den Fokus rückt. Bei jungen Menschen ist Suizid bereits heute die häufigste Todesursache; im höheren Alter steigt das Risiko mit zunehmendem Alter deutlich an. Genau deshalb sieht pro mente Austria den Kampf gegen Einsamkeit nicht als Randthema, sondern auch als einen wirksamen Hebel in der Suizidprävention: „_Wer früh soziale Teilhabe ermöglicht und niedrigschwellige psychosoziale Unterstützung bereitstellt, verhindert, dass sich Belastung zu Krise verdichtet – bevor Suizidalität überhaupt zum Thema wird. Prävention beginnt damit nicht erst bei der akuten Krise, sondern schon bei der Frage, ob jemand sich zugehörig fühlt“_, schließt Klug.
PRO MENTE AUSTRIA
Seit nunmehr 50 Jahren vertritt pro mente Austria als Dachverband 26 Mitgliederorganisationen, die in ganz Österreich mit ihren 5.500 Mitarbeiter:innen Menschen mit psychischen oder psychosozialen Problemen versorgen. Multiprofessionelle Teams der Mitglieder decken alle Dienstleistungen ab, die die psychosoziale Gesundheit Einzelner und der Gesellschaft fördern: Sie bieten psychosoziale und sozialpsychiatrische Versorgung, Wohn- und Betreuungsangebote und Arbeitsprojekte sowie Prävention & Rehabilitation und Aus- und Fortbildung.
Wir vertreten die gemeinsamen Ziele unserer Mitglieder sowohl in Österreich als auch im Ausland und bieten eine Plattform für den unkomplizierten Informationsaustausch. Nach außen stehen wir als Ansprechpartner für alle Stakeholder:innen im Bereich der psychischen und sozialen Gesundheit zur Verfügung.
pro mente Austria
Mag. Daniel Scheiblberger
Telefon: +43 664 83 05 144
E-Mail: presse@promenteaustria.at
Website: https://www.promenteaustria.at
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