Verspielen wir die Gesundheit einer Generation?

Gesundheitspolitisches Forum: Ein neuer Generationenvertrag soll gesundes Aufwachsen zur gemeinsamen gesellschaftspolitischen Aufgabe machen

WIE KINDER HEUTE AUFWACHSEN, PRÄGT IHRE GESUNDHEIT VON MORGEN. DIGITALE LEBENSWELTEN, BEWEGUNGSMANGEL UND UNGLEICHE GESUNDHEITSCHANCEN STANDEN DESHALB IM MITTELPUNKT DES GESUNDHEITSPOLITISCHEN FORUMS AM 23. SEPTEMBER. ILONA KICKBUSCH PLÄDIERTE FÜR EINEN NEUEN GENERATIONENVERTRAG FÜR KINDER- UND JUGENDGESUNDHEIT. GEMEINSAM MIT VERTRETER:INNEN AUS POLITIK, MEDIZIN, BILDUNG UND PRAXIS DISKUTIERTE SIE, WIE GESUNDE LEBENSWELTEN GESTALTET, LÜCKEN IN DER VORSORGE GESCHLOSSEN UND KINDER IM DIGITALEN RAUM BESSER GESCHÜTZT WERDEN KÖNNEN. DIE ZENTRALE FORDERUNG: VORHANDENE KOMPETENZ UND BEWÄHRTE ANGEBOTE DURCH GEMEINSAME ZIELE UND VERBINDLICHE VERANTWORTUNG ÜBER ZUSTÄNDIGKEITSGRENZEN HINWEG WIRKSAMER MACHEN.

Den großen gesellschaftspolitischen Rahmen setzte Prof. Dr. Ilona Kickbusch, Gründerin des Global Health Centre am Geneva Graduate Institute. 40 Jahre nach der Ottawa-Charta erinnerte sie daran, dass Gesundheit nicht primär im Gesundheitssystem entsteht, sondern dort, wo Menschen leben, lernen, arbeiten und ihre Freizeit verbringen. Für Kinder und Jugendliche bedeutet das: Familie, Schule, öffentlicher Raum und heute zunehmend auch die digitale Welt entscheiden wesentlich darüber mit, wie gesund sie aufwachsen. Die Aufgabe von Politik und Gesellschaft sei es daher, diese Lebenswelten so zu gestalten, dass sie Gesundheit ermöglichen. Und zwar unabhängig von den Voraussetzungen, die Kinder von zu Hause mitbringen.

Kickbusch plädierte dafür, den Generationenvertrag neu und in beide Richtungen zu denken: Nicht nur die junge Generation trägt Verantwortung für die Absicherung der Älteren. Umgekehrt müsse die heutige Generation Bedingungen schaffen, unter denen Kinder gesund aufwachsen, lernen und später selbstständig leben können. „Wir brauchen einen gesellschaftspolitischen Pakt für Kinder- und Jugendgesundheit. Die zuständigen Ressorts müssen sich auf gemeinsame Ziele einigen und verbindlich Verantwortung übernehmen.“

ÖSTERREICH BEGINNT NICHT BEI NULL

Österreich könne dabei auf viel Kompetenz und gute Strukturen aufbauen, betonte Kickbusch. Dazu zählen der Eltern-Kind-Pass, die Frühen Hilfen sowie Angebote zur Gesundheitsförderung und psychosozialen Unterstützung. Entscheidend sei, diese Ansätze dauerhaft abzusichern, besser zu verbinden und die Verantwortung dafür verbindlich zu regeln. Kickbusch brachte den Handlungsbedarf auf den Punkt: „Es fehlt nicht an Kompetenz. Es fehlt an Verbindlichkeit.“

BESTEHENDE ANGEBOTE SOLLEN MEHR KINDER ERREICHEN

Ulrike Königsberger-Ludwig, Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz, knüpfte an die bestehenden Präventionsangebote an und sprach sich zugleich für einen stärkeren Schutz von Kindern im digitalen Raum aus. „Kinder brauchen Schutz im digitalen Raum, deshalb befürworten wir klar das Social Media Verbot für unter 14-Jährige. Österreich startet dabei nicht bei null: Die Frühen Hilfen, die Tägliche Bewegungseinheit und niederschwellige psychosoziale Angebote sind bereits etabliert. Unser Anspruch ist, dass diese Angebote jedes Kind erreichen — unabhängig davon, wo es aufwächst.“

GESUNDE LEBENSWELTEN BRAUCHEN POLITISCHE RAHMENBEDINGUNGEN

Dr. Karlheinz Kornhäusl, steirischer Landesrat für Gesundheit, Pflege und Kultur, betonte, wie wichtig das unmittelbare Lebensumfeld für die Gesundheit von Kindern ist. „Gesundheit kommt nicht aus dem Spital. Sie entsteht zu Hause, im Kindergarten, in der Schule oder auch im Sportverein. Und heute müssen wir auch die digitale Lebenswelt mitdenken, die den Alltag unserer Kinder maßgeblich prägt.“

DURCH VORSORGE LÜCKEN RECHTZEITIG SCHLIESSEN

Dr. Rainer Wolschner, niedergelassener Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde und Leiter des Referats für Impfangelegenheiten der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, zeigte eine konkrete Lücke in der Vorsorge auf. Aus seiner Praxis berichtete er von Kindern, deren Behandlungsbedarf zu spät erkannt werde. „Oft kommen Kinder, die vor zwei bis drei Jahren schon eine Behandlung benötigt hätten. Wir könnten so viel Kinderleid verhindern, wenn wir ein Erinnerungssystem und ein strukturiertes Untersuchungsprogramm für Kinder über das 5. Lebensjahr hinaus hätten.“

KINDER IM DIGITALEN ALLTAG SCHÜTZEN

Silvia Bruni, Geschäftsführerin von CAPE 10, warnte vor den Risiken eines hohen digitalen Konsums schon im Kleinkindalter. Sie forderte, neben den Chancen digitaler Medien auch deren Folgen für Bewegung und Gesundheit stärker zu berücksichtigen. „Die Realität ist: die Bewegungsarmut führt dazu, dass manche Volksschulkinder nicht einmal mehr selbstverständlich laufen können. Gleichzeitig verbringen Jugendliche im EU-Schnitt täglich 4,5 Stunden online. Wenn wir wirklich von Kinderschutz und Kindergesundheit sprechen, brauchen wir beim digitalen Konsum radikale Schutzmaßnahmen.“

Mag. Amira Awad, ehemalige ORF-ZIB-Moderatorin und Teach-for-Austria-Fellow, ergänzte die Perspektive der Familien. Sie betonte, dass Kinder persönliche Zuwendung und klare Regeln für den Umgang mit digitalen Medien brauchen. „Unsere Kinder brauchen mehr unserer Zeit, Verbindung und echte Aufmerksamkeit. Dafür müssen wir auch als Eltern Verantwortung übernehmen und klare Grenzen beim Handykonsum setzen. Nachts gehört es jedenfalls raus aus dem Kinderzimmer.“

VON EINZELMASSNAHMEN ZU EINEM VERBINDLICHEN GESAMTKONZEPT

Die Diskussion führte die unterschiedlichen Perspektiven zu einer gemeinsamen Aufgabe zusammen: Prävention, Vorsorge und der Schutz im digitalen Raum müssen besser ineinandergreifen. Bestehende Angebote sollen verlässlich jene Kinder erreichen, die bislang nicht ausreichend davon profitieren. Kickbuschs Vorschlag eines neuen Generationenvertrags setzte dafür den politischen Rahmen: gemeinsame Ziele, verbindliche Zuständigkeiten und eine dauerhafte Absicherung wirksamer Maßnahmen.

Dr. Jan Oliver Huber, Leiter des Gesundheitspolitischen Forums, fasste die Diskussion zusammen: „Wir brauchen eine gemeinsame Strategie, damit wir wieder fitter werden, denn Gesundheit ist keine Privatsache, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe.“

ÜBER DAS GESUNDHEITSPOLITISCHE FORUM

Das Gesundheitspolitische Forum ist ein wissenschaftsbasiertes, unabhängiges Diskussionsformat mit langer Tradition. Seit 2008 wurden mehr als 150 Veranstaltungen umgesetzt. Das Forum macht unterschiedliche Positionen sichtbar, bringt Akteur:innen aus Politik, Wissenschaft, Versorgung und Gesellschaft miteinander ins Gespräch und setzt Impulse für die Weiterentwicklung des österreichischen Gesundheits- und Sozialsystems.

Das Gesundheitspolitische Forum ist eine Veranstaltungsreihe der Karl Landsteiner Gesellschaft in Kooperation mit FINE FACTS Health Communication.

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